AUBI-plus: Wie bist du zu deinem Beruf gekommen?
Ich habe nach der Realschule erstmal ein Berufsvorbereitendes Soziales Jahr in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen gemacht. Dort habe ich in der Elektroabteilung gearbeitet. Besonders die Verbindung aus sozialer und handwerklicher Arbeit passte zu mir. Also begann ich eine Ausbildung zur Zweiradmechatronikerin in der Fachrichtung Motorradtechnik, mit der ich ursprünglich in die Werkstatt zurückkehren wollte. Als ich meinen Gesellenbrief in der Hand hielt, war dort aber nichts frei und ich stand plötzlich wieder vor einer Entscheidung. Da ich auch den Beruf der Erzieherin schon immer spannend fand, entschied ich mich, ein sechsmonatiges Praktikum in einer Jugendwohngruppe für schwer erziehbare Jungs zu machen. Zusammen mit meinem Realschulabschluss und der abgeschlossenen Ausbildung hatte ich nun die Qualifikation, um in die Ausbildung zur Erzieherin zu starten.

AUBI-plus: Das zeigt also, dass man auch über Umwege zum Ziel gelangen kann. Wie ging es dann weiter?
Als Umweg würde ich das gar nicht bezeichnen. Es kommt ja sprichwörtlich erstens anders und zweitens als man denkt. Rückblickend betrachtet, würde ich sagen: Ich konnte aus allem, was ich gemacht habe, immer etwas Wichtiges mitnehmen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich immer wieder etwas Neues ergibt, und dass die unterschiedlichen Wege, die man so einschlägt, die eigene Persönlichkeit formen. Mein Anerkennungsjahr, also das dritte Jahr meiner Erzieher-Ausbildung, habe ich in einer Mädchengruppe gemacht. Dort hat es mir so gut gefallen, dass ich mich sehr gefreut habe, als die Einrichtung mich übernommen hat und ich habe mich dazu entschieden, nebenbei noch Soziale Arbeit zu studieren. Das war eine sehr anstrengende Zeit, denn ich hatte neben dem Studium eine ganze Stelle. Oft war ich von morgens bis mittags in der FH und dann von mittags bis zum nächsten Tag mittags in der Einrichtung. Wir arbeiten nämlich im 24-Stunden-Dienst. Ich bereue aber überhaupt nichts, sondern bin heute froh, dass ich es durchgezogen habe!

AUBI-plus: Wie sieht dein Arbeitstag in der Mädchengruppe in etwa aus?
Wenn ich mittags anfange, tausche ich mich mit meiner Kollegin darüber aus, was ich für den Folgedienst wissen muss, zum Beispiel wer heute welche Termine hat und was vorgefallen ist. Dann kommen die Mädchen von der Schule oder von der Arbeit nach Hause. Insgesamt wohnen 9 Mädchen im Alter von 15 bis 20 in der Einrichtung. Ich spreche mit ihnen darüber, was heute alles so ansteht, zum Beispiel Hausaufgaben oder Termine. Gespräche führen gehört zur wichtigsten Aufgabe meiner Arbeit. Um 18.30 Uhr essen wir gemeinsam zu Abend. Jeder ist einmal an der Reihe, das Essen für alle zuzubereiten. Es gibt auch andere Ämter, die verteilt werden müssen, zum Beispiel putzen und Müll rausbringen – eben wie in einer Familie oder in einer WG. Beim Essen frage ich die Mädchen nach ihrem Tag, was sie am Wochenende vorhaben und so weiter. Nach dem Abendessen werden in der Regel Einzelgespräche geführt. Meist kommen die Mädchen mit ihren Problemen und Sorgen auf mich zu, manchmal muss ich auch nachhaken. Wir sprechen unter anderem über Probleme in der Schule, Partnerschaft, aber auch über Zukunftsperspektiven, zum Beispiel eine Berufsausbildung. Die Bindung zu den Mädchen ist ganz unterschiedlich: Für manche bin ich wie eine Schwester oder eine Freundin; für andere bin ich nur eine Erzieherin, die sie immer wieder auf Regeln und Grenzen hinweist und ihren Alltag mit ihnen organisiert. Um 22.30 Uhr gehen die Mädchen auf ihr Zimmer und auch ich kann mich im Mitarbeiter-Raum zurückziehen. Dort habe ich ein eigenes Bett, muss aber immer in Bereitschaft sein, falls ich gebraucht werde. Ab 5.30 Uhr wecke ich die Mädchen und bereite das Frühstück zu. Wenn alle unterwegs sind, befasse ich mich mit den organisatorischen Dingen. Es muss für jedes Mädchen jeden Tag ein Protokoll, eine Art Verlaufsbogen angefertigt werden, in dem zum Beispiel Konflikte unter den Mädchen festgehalten werden. Außerdem führe ich Telefonate, gehe zu Elternsprechtagen oder begleite die Mädchen zu Arztterminen. Es geht darum, den Mädchen ein „normales“ Zuhause zu bieten und ihnen wichtige Normen und Werte mit auf den Weg zu geben. Sie sollen erfahren, dass sie in Sicherheit sind und keinerlei Gewalt erfahren. Außerdem lernen sie bei uns, dass sie sich auf Erwachsene und Bezugspersonen verlassen können, denn anders als viele andere Jugendliche haben unsere Bewohnerinnen oftmals genau solche Erfahrungen gemacht.

AUBI-plus: Kannst du denn deine Erfahrungen aus dem Handwerk heute noch in deinen Beruf integrieren?
Auf jeden Fall. Ich bin in der Gruppe Ansprechpartnerin, wenn es darum geht, etwas zu reparieren, anzuschrauben und so weiter. Ich beteilige die Mädchen aber auch daran, wenn etwas in ihrem Zimmer ansteht. Wie benutze ich einen Bohrer? Wie haue ich einen Nagel in die Wand? – Das sind schließlich wichtige Fähigkeiten, die man immer wieder gebrauchen kann. Spätestens seit meiner Ausbildung weiß ich: Auch Frauen können in Männer-dominierten Berufen arbeiten. Nur, weil du ein Mädchen bist, heißt das längst nicht, dass du das nicht genauso gut hinbekommst! Ich motiviere die Mädchen in der Gruppe zu mehr Eigenständigkeit, mehr Mut und mehr Selbstvertrauen. Das ist mir wichtig.

AUBI-plus: Was ist das Schönste an deinem Beruf?
Dass er so abwechslungsreich ist! Jedes Mädchen ist anders. Jeder Tag ist anders. Das bedeutet natürlich auch, dass man total flexibel sein muss. Das lernt man aber mit der Zeit. Über die Jahre bin ich immer kompetenter und erfahrener geworden. Trotzdem gibt es immer wieder ein erstes Mal, denn eine Situation gleicht nie der anderen. Neben der Beziehungsarbeit hat man außerdem das Organisatorische, zum Beispiel Berichte schreiben und Telefonieren. Diese Vielseitigkeit möchte ich nicht missen. Besonders schätze ich auch, dass ich in meinem Beruf eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe habe. Es ist so schön, wenn ich merke, dass etwas von dem ankommt, was ich tue, zum Beispiel, wenn mir ein Mädchen sagt „Danke, dass du mir zugehört hast.“

AUBI-plus: Was ist das Schwierigste?
Gerade am Anfang war es schwer für mich, zu verkraften, was manche Mädchen erlebt haben. Viele sind aufgrund von Missbrauchserfahrungen traumatisiert und dadurch sehr eingeschränkt im Alltag. Zurzeit kommen außerdem viele geflüchtete Mädchen zu uns, die in einer ganz anderen Kultur aufgewachsen sind und vor bzw. auf ihrer Flucht oft Schlimmes erlebt haben, das wir uns hier gar nicht vorstellen können. Das konfrontiert uns Erzieher und auch die Mädchen untereinander mit neuen Herausforderungen. Zum Beispiel habe ich mich zum ersten Mal mit Fragen der Aufenthaltsberechtigung in Deutschland auseinandergesetzt. Was manchmal schwerfällt, ist das Auseinanderhalten und die Übernahme unterschiedlicher Rollen. Obwohl ich wie ein Familienmitglied für manche Mädchen bin, bleibt es natürlich mein Beruf und ich habe ein Privatleben, das außerhalb der Einrichtung stattfindet.

AUBI-plus: Was gibst du angehenden Erziehern mit auf den Weg?
Wenn du in einer Wohngruppe arbeiten möchtest, musst du eine hohe Frustrationstoleranz mitbringen. Du solltest nicht mit der Erwartungshaltung rangehen, ständig Lob für deine Arbeit zu bekommen. Stattdessen stößt du mit vielem, was du tust, auch auf Abneigung. Aber dafür sind die Momente, in denen du merkst, dass du etwas erreichen kannst, umso wertvoller und bereichern dich. Suche dir auf jeden Fall einen Ausgleich zu deiner Arbeit. Ich nutze zum Beispiel die Autofahrt, um abzuschalten und spreche viel mit einer guten Freundin, die auch in diesem Beruf arbeitet.

AUBI-plus: Vielen Dank für das Interview und alles Gute weiterhin!

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