Was ist Autismus?

Aus dem Griechischen übersetzt bedeutet Autismus soviel wie „sehr auf sich bezogen sein“, was zu dem Vorurteil passt, dass autistische Kinder und Erwachsene in ihrer eigenen Welt leben. Tatsächlich ist Autismus eine Störung in der persönlichen Entwicklung des Menschen und wird auch als Autismus-Spektrum-Störung (ASS) bezeichnet. Wie der Begriff „Spektrum“ bereits vermuten lässt, gibt es unterschiedlich starke Ausprägungen bzw. der Übergang zwischen "Normalo" und Autist ist fließend.  Viele Menschen im Autismusspektrum haben eine ganz normale bis hohe Intelligenz, manche sind sogar hochbegabt! Der Bevölkerungsanteil von autistischen Menschen wird weltweit auf 0,6 bis 1,0 % geschätzt; für Deutschland werden 800.000 Betroffene angenommen, wobei Jungen häufiger autistische Züge aufweisen als Mädchen. 

Welche Formen des Autismus gibt es?

Laut Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind die wichtigsten Autismus-Spektrum-Störungen:

  • Frühkindlicher Autismus
  • Atypischer Autismus
  • Asperger-Autismus

 Wie äußert sich Autismus?

Wie bereits erwähnt ist das Autismusspektrum sehr breit gefächert, weshalb allgemein gültige Aussagen schwierig zu treffen sind. Dennoch möchten wir an dieser Stelle den Versuch unternehmen und ein paar Merkmale aufführen, die man an betroffenen Kindern und Erwachsenen – natürlich individuell abhängig von Art und Ausprägung ihres Autismus - beobachten kann:

  • Sprachliche und motorische Entwicklung: Hinsichtlich der Sprachentwicklung ist das ganze Spektrum vertreten: Bei frühkindlichem Autismus findet man Kinder, die gar nicht sprechen oder das Sprechen erst spät erlernen; Asperger-Autisten (sog. „Aspies“) wiederum fangen häufig früh an zu sprechen und entwickeln oft sogar eine sehr gute Sprachgewandtheit mit einem großen Wortschatz. Bei Kindern mit dem Asperger-Syndrom spricht man auch vom "Litttle Professor Syndrom", da ihre Ausdrucksweise im Vergleich zu ihren Altersgenossen häufig abgehoben und altklug anmuten kann. Ähnlich groß wie bei der Sprache ist die Diversität bei der Motorik: Manche Autisten sind motorisch sehr eingeschränkt und ungeschickt; bei autistischen Kindern kann man auch sich ständig wiederholende Bewegungen beobachten. Andere Menschen im Autismusspektrum sind wiederum sehr geschickt und motorisch völlig unauffällig.
  • Kommunikation und Körpersprache: Auf der Sachebene können Menschen im Autismusspektrum häufig sehr gut und präzise kommunizieren. Jedoch kann das Gesprochene von Autisten wortwörtlich verstanden werden, was zum Beispiel bei Redewendungen und ironischen oder sarkastischen Äußerungen zu Missverständnissen führen kann. Im Gespräch selbst kann es Autisten schwerfallen, den Blickkontakt zu ihrem Gegenüber zu halten. Sie schauen an ihrem Gesprächspartner vorbei oder richten ihren Blick auf Nase, Mund oder Stirn. Auch können sie Mimik und Gesichtsausdrücke bei anderen nicht richtig deuten und selber nicht richtig einsetzen, um ihr Gesagtes zu unterstreichen.
  • Sozialverhalten: Wie bereits angedeutet können emotionale und nonverbale Kommunikationsanteile von Autisten nicht oder nur eingeschränkt wahrgenommen und eingesetzt werden, weshalb soziale Interaktionen im Alltag und auf der Arbeit  für die betroffene Person schnell zum Stolperstein werden können. Da sie Stimmung und Situation nicht immer richtig verstehen, haben sie Mühe, in sozialen Situationen spontan und intuitiv zu reagieren, weshalb ihr Verhalten auf Außenstehende schnell verkrampft und unlocker wirken kann. Häufig führen sie Verhaltensweisen aus, die sie gelernt oder sich abgeguckt haben. Manchmal passen diese gar nicht zur Situation, z. B. unangebrachtes Lachen oder lautes Reden, wodurch sie wiederum negativ auffallen. Aufgrund solcher - meist schlechter - Erfahrungen sind bzw. werden Menschen im Autismusspektrum im Umgang mit anderen sehr unsicher. 
  • Denkweise und Informationsverarbeitung: Autisten kann es also an Bauchgefühl mangeln. Um nicht aufzufallen bzw. bei ihren Mitmenschen nicht anzuecken, setzen Autisten daher verstärkt auf Rationalität und Logik. Sie denken in Mustern und Gleichungen und können Sachinformationen in Form von Zahlen, Daten und Fakten meist gut und schnell erfassen und verarbeiten. Für soziale Situationen versuchen sie, Muster und Verhaltensstrategien zu entwickeln und nach diesen zu handeln. Aus Mangel an Intuition ständig kontrolliert handeln zu müssen, kostet Menschen im Autismusspektrum jedoch sehr viel Kraft und Energie.
  • Veränderungen und Beständigkeit: Gewohnheiten und Rituale geben dem Leben von Autisten Struktur und Sicherheit, sowohl in der Arbeitswelt als auch im privaten Bereich. In ungewohnten zwischenmenschlichen Situationen, für die sie kein erprobtes Verhaltensmuster haben, geraten sie schnell unter Stress. Mit  technischen Veränderungen und innovativen Ideen können sie in der Regel besser umgehen - nicht umsonst gibt es viele Autisten, die als Entwickler arbeiten, z. B. im IT-Bereich oder in Ingenieursdisziplinen.
  • Interessen und Begabung: Autisten haben oft ein Spezialinteresse, dem sie sehr intensiv nachgehen. Manchmal ist das Interesse so intensiv, dass andere Lebensbereiche diesem komplett untergeordnet werden. Oft steht dieses Interesse auch in Verbindung mit einer besonderen Begabung, die privat und/oder im Job ausgelebt wird. Auf ihrem Spezialgebiet können Autisten Überdurchschnittliches leisten; berühmte Persönlichkeiten aus der Vergangenheit, bei denen eine ASS vermutet wird, sind zum Beispiel Albert Einstein, Leonardo da Vinci und Mozart. 

Arbeit und Autismus: Welche Stärken Autisten mitbringen

Eine Autismus-Spektrum-Störung zu haben bedeutet nicht automatisch, krank oder geistig behindert zu sein und sein Arbeitsleben in einer Behindertenwerksatt verbringen zu müssen. Im Gegenteil: Menschen im Autismusspektrum verfügen über viele Eigenschaften, die auf dem Arbeitsmarkt durchaus positiv ankommen und sie bei Arbeitgebern und Ausbildungsbetrieben zu gefragten Mitarbeitern und Azubis machen! So haben Menschen mit einer ASS in der Regel eine gute Konzentrationsfähigkeit, lieben Details und arbeiten gründlich und genau. Sie können gut mit Zahlen und Formeln umgehen und zeichnen sich durch eine analytische und logische Denkweise aus. Entscheidungen treffen sie nüchtern und rational, ohne sich von Emotionen leiten zu lassen. Diese Eigenschaften machen es möglich, dass Autisten und Asperger ganz normal am ersten Arbeitsmarkt teilnehmen und erfolgreich sind. 

Stärken und Fähigkeiten von autistischen Menschen im Überblick

  • Logisches Denken
  • Gründlichkeit und Analysefertigkeit
  • Qualitätsbewusstsein und Blick für Fehler
  • Konzentrationsvermögen und Merkfähigkeit
  • Fachwissen zu einem Spezialthema
  • Sensible Sinneswahrnehmung 
  • Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit

Aufgrund des besonders ausgeprägten logischen Denkens wurden und werden Betroffenen häufig Jobs mit Mathematik und/oder Informatik empfohlen, z. B. in den Bereichen Programmierung, Datenbanken und Softwaretests. Weitere Tätigkeitsfelder sind Big Data und Künstliche Intelligenz (KI). Sich nur auf Mathe und den IT-Bereich zu konzentrieren, kann jedoch schnell sehr einschränkend sein. Vielleicht liegen die persönlichen Interessen ja in einem ganz anderen Bereich? Aufgrund der besonderen Informationsverarbeitung und Merkfähigkeit kann es Autisten auch sehr leicht fallen, Vokabeln zu lernen, weshalb Berufe mit Fremdsprachen ebenfalls infrage kommen.

Eine weitere Möglichkeit ist eine Arbeit im Bereich Naturwissenschaften. So können Autisten bei Berufen im Labor ihre genaue Arbeitsweise und ihre analytischen Fähigkeiten sehr gut zur Geltung bringen. Da das Gehirn von Autisten anders funktioniert als das von Nicht-Autisten, kommen sie manchmal auch auf untypische Lösungen – gerade im Bereich Design können sich so ganz außergewöhnliche und abgefahrene Entwürfe ergeben!

Daneben gibt es noch viele andere Berufe, in denen autistische Menschen ihre individuellen Stärken und Fähigkeiten einbringen können. Detailverliebtheit, Logik und Gewissenhaftigkeit sind beispielsweise auch bei der Erstellung von Spezifikationen und Handbüchern, als Qualitätsbeauftragter, Prüfer und Auditor sowie als Sicherheitsbeauftragter, Datenschutzbeauftragter und Jurist gefragt. Die sensible Sinneswahrnehmung wie Geruchssinn und Geschmackssinn kann gut in der Parfümherstellung oder in der Lebensmittelindustrie eingesetzt werden. 

Gute Berufe für Autisten im Überblick (Auswahl)

Fazit: Egal ob man autistische Züge hat oder nicht – für die Ausbildung und das spätere Berufsleben gilt in jedem Fall, dass der gewählte Job zu den eigenen Stärken und Interessen passt. Ein Berufstest bzw. Interessentest kann dabei helfen, eine geeignete Richtung für sich zu finden und erfolgreich am Arbeitsmarkt durchzustarten! Bei Schülerinnen und Schülern aus dem Autismusspektrum kann auch das individuelle Spezialinteresse ein guter Anhaltspunkt für die Berufswahl sein.

Ausbildung mit einer ASS: Tipps für Azubis und Ausbilder

Zugegeben, eine Autismus-Diagnose zu haben, bedeutet in einigen Bereichen Einschränkungen, aber in anderen auch Stärken! Solltest du selbst von einer ASS betroffen sein, solltest du dir zunächst einmal vor Augen führen, dass dein Ausbildungsbetrieb einen motivierten Azubi sucht, der seine Aufgaben gut bewältigt. Wo du in dem Spektrum zwischen Normalo und Autist stehst, ist da erst einmal unerheblich.

Du selbst entscheidest, wie offen du mit deiner Diagnose umgehen möchtest: Vielleicht möchtest du es lieber für dich behalten, vielleicht möchtest du auch deinen Ausbilder, deine Mit-Azubis und Kollegen, mit denen du eng zusammenarbeitest, einweihen. Unsere Empfehlung ist, das persönliche Gespräch mit den einzelnen Personen zu suchen. In so einer 1:1-Situation kannst du dann erklären, welche Form des Autismus du hast, was genau du brauchst und wie dir deine Kollegen helfen können. Gleichzeitig ermöglichst du deinem Gegenüber mit einem 1:1-Gespräch, Fragen zu stellen. Achtung: Die meisten Menschen haben keine Vorstellung davon, was Autismus überhaupt bedeutet. Erklären kannst du am besten anhand von konkreten Beispielen aus dem Arbeitsalltag, z. B. Situationen, in denen es Kommunikationsprobleme und Missverständnisse zwischen euch gab. In vielen Fällen wird die Kommunikation dann klarer und direkter, wovon am Ende des Tages euer gesamtes Team profitiert!

Wie genau sich die Zusammenarbeit zwischen dir und deinen Kollegen gestaltet und was dein Ausbilder tun kann, damit du deine Stärken voll zur Geltung bringen kannst, hängt von vielen verschiedenen Dingen wie der Unternehmenskultur, den Unternehmenswerten und der Kommunikationskultur ab – und letztendlich auch von dir selbst. Wenn im Team Aufgaben verteilt werden, kannst du beispielsweise vornehmlich Arbeitspakete ohne kritische Deadlines übernehmen, sodass du ohne Zeitdruck arbeiten kannst. Auch für Routineaufgaben, die einem bestimmten Ablauf folgen, kannst du dich freiwillig melden - womöglich werden es dir deine Kollegen sogar danken, wenn du vermeintlich eintönige Tätigkeiten übernimmst.

Wenn es in deinem Ausbildungsbetrieb verschiedene Räumlichkeiten gibt, kannst du vielleicht einen Arbeitsplatz in einem kleineren Zimmer statt in einem Großraumbüro bekommen, sodass du weniger Reizen ausgesetzt bist und dich besser konzentrieren kannst. In der Praxis finden sich auch Beispiele für erfolgreiche 2er-Teams, bei denen ein „Normalo“ und ein Autist ein Tandem bilden. In der Regel schaut ein Normalo erst auf das große Ganze, dann auf die Details; viele Autisten dagegen betrachten erst die Details und versuchen, ein Muster zu erkennen bzw. die Details zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen. Aufgrund dieser verschiedenen Sichtweisen ergänzen und sich die beiden Tandempartner sehr gut und erzielen in vielen Fällen überdurchschnittlich gute Arbeitsergebnisse.

Auch Unternehmen wie beispielsweise SAP, auticon und Asperger Informatik haben längst erkannt, dass Menschen aus dem Autismusspektrum besondere Fähigkeiten mitbringen und eine Bereicherung darstellen. Die Bandbreite an Maßnahmen, um Autisten in das Unternehmen zu integrieren, reicht von allgemeinen Informationsveranstaltungen zu Autismus über Kommunikationstrainings bis hin zu Buddys oder Mentoren als feste Ansprechpartner. Ein Patentrezept gibt es jedoch nicht. Wichtig ist, dass die Maßnahmen zum jeweiligen Unternehmen und zu dem Menschen passen.

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