Wie kamst du dazu, Forscherin zu werden?

Meine genaue Berufsbezeichnung ist eigentlich Wissenschaftliche Mitarbeiterin. Im Grunde hatte ich schon immer zwei Interessensgebiete und wollte nach dem Abitur entweder eine naturwissenschaftliche oder eine künstlerische Laufbahn einschlagen. Ich entschied mich zunächst, in Richtung Gestaltung und Design zu gehen. Die Voraussetzungen für ein Studium an den Fachhochschulen meiner Wahl waren zum einen ein 12-wöchiges Praktikum und zum anderen das Bestehen einer künstlerisch-gestalterischen Eignungsprüfung. Ich suchte mir also einen Praktikumsplatz in einer Werbeagentur und arbeitete parallel dazu an Bildern für meine Bewerbungsmappe. Insgesamt habe ich mich an zwei Fachhochschulen in meiner Region um einen Studienplatz beworben. An der einen FH bin ich nach Vorlage meiner Mappe sogar in die zweite Auswahlrunde gekommen, in der ich eine gestalterische Probeaufgabe lösen musste. Leider bin ich nicht angenommen worden. Da ich keine Zeit für einen neuen Anlauf verlieren wollte, habe ich mich dazu entschlossen, mein zweites Interessensgebiet, die Naturwissenschaften, weiter zu verfolgen.

Was genau hast du denn gelernt oder studiert?

Das Fach, was ich studiert habe, heißt Biotechnologie. Und das hat sehr viel mit Naturwissenschaften zu tun: Während meines Bachelor-Studiums hatte ich hauptsächlich die Grundlagenfächer Chemie, Physik, Bio, Mathe und Informatik. Dazu kamen dann noch weitere Vorlesungen in Verfahrenstechnik, Reaktionstechnik und natürlich Biotechnologie. Zusätzlich zu den Vorlesungen hatte ich Übungen und Laborpraktika.

Wie kann man sich diese Laborpraktika vorstellen?

Entweder finden die Praktika an einem Tag pro Woche während des Semesters statt, oder aber über zwei bis drei Wochen als Block während der vorlesungsfreien Zeit. In den meisten Fächern hatte ich das Block-Modell. Man ist dann den ganzen Tag im Labor und führt Versuche nach Anleitung durch. Alles wird genau ausgewertet und protokolliert. In einem Versuch haben wir beispielsweise Penicillin mit Hilfe eines Schimmelpilzes hergestellt.

Gibt es weitere Aspekte an deinem Studium, die besonders positiv oder negativ waren?

Durch die unterschiedlichen Fächer war mein Studium besonders vielseitig, was mir sehr gut gefallen hat. Die größte Hürde für mich und auch für viele meiner Kommilitonen war definitiv Chemie. Dafür musste ich wirklich sehr viel lernen und ich schätze, dass fast die Hälfte der Studenten aus meinem Semester das Studium deswegen abgebrochen hat.  Eine weitere große Herausforderung war, dass wir durch die vielen Klausuren und Blockpraktika fast keine richtigen Semesterferien hatten.

Wie ging es nach dem Bachelor weiter?

Der Abschluss, den man in Biotechnologie macht, ist ein Bachelor of Science. Das Studium dauert regulär 6 Semester und ich habe es tatsächlich in dieser Regelstudienzeit geschafft! Im Anschluss hing ich noch den Master in Biotechnologie an. Für das Master-Studium habe ich sogar einen Platz an der gleichen Uni bekommen, an der ich bereits meinen Bachelor gemacht hatte.

Ein paar meiner Kommilitonen haben den Master in einer anderen Stadt gemacht und/oder das Studienfach gewechselt und z. B. Bioinformatik und Systembiologie studiert. Einige wenige sind auch ins Ausland gegangen, um dort ihren MBA zu machen. Nur einer meiner Kommilitonen hat aufgehört und ist direkt nach dem Bachelor in die Industrie eingestiegen.

Wie lief das Master-Studium ab?

Der Master geht regulär über vier Semester; drei Semester lang hat man Vorlesungen, im vierten schreibt man dann seine Masterarbeit. Man lässt im Prinzip die Grundlagen hinter sich und vertieft sein Wissen. Aus einem großen Wahlpflichtbereich konnten wir unser eigenes Fächerprofil zusammenstellen. Bei den Laborpraktika haben wir im Vergleich zum Bachelor viel selbstständiger gearbeitet.

Und wie ging es dann nach dem Master weiter?

Ich habe promoviert, genau wie viele meiner Kommilitonen auch. Wir waren damals der Meinung, dass man mit einem Doktor-Titel leichter einen guten Job findet. Allerdings musste ich später feststellen, dass dies nicht unbedingt der Fall ist, wenn man in der Industrie Fuß fassen will. Hier kommt es oft mehr auf Praxiserfahrung an. Wenn man jedoch in der Forschung bleiben möchte oder z. B. eine leitende Position in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Unternehmens anstrebt, wird eine Promotion vorausgesetzt.

Wie läuft so eine Promotion ab?

Für eine Promotion muss man drei bis sechs Jahre einplanen. Ich selber habe vier Jahre gebraucht, bis ich meinen Doktor-Titel hatte. Eine Möglichkeit, diese Zeit zu finanzieren, ist ein Stipendium. Die meisten sind aber an einer Uni oder einem Institut angestellt. Diese Doktoranden-Stellen sind in der Regel halbe Stellen, die an Projekte gebunden und auf drei Jahre befristet sind. Dementsprechend hat das Thema der Doktor-Arbeit dann auch etwas mit dem Projekt zu tun. „Halbe Stelle“ bedeutet übrigens, dass man für ein halbes Gehalt ein Vielfaches arbeitet. Zur Belohnung bekommt man dann aber den Doktor-Hut aufgesetzt.

Welchen Tipp kannst du naturwissenschaftlich interessierten Jugendlichen geben?

In meinem Studium sind sehr viele an Chemie oder an der Belastung durch die vielen verschiedenen Fächer und Praktika gescheitert. Wer Biotechnologie oder ein artverwandtes Fach studieren möchte, sollte sich ernsthaft überlegen, vorher eine schulische Laboranten-Ausbildung zu machen. Gerade in den ersten Semestern sind die Vorkenntnisse aus der Ausbildung eine große Hilfe. Man kann die Ausbildung mit dem Erwerb der (allgemeinen) Hochschulreife kombinieren. Dies dauert drei Jahre. Man hat also nicht einmal Zeit „verschenkt“. Wenn man schon Abitur hat, dauert die Ausbildung zwei Jahre.

Wer gerne viel praktisch arbeitet, sollte eventuell sogar eine Ausbildung dem Studium vorziehen. Nach dem Studium oder gar der Promotion steht man nämlich nur noch selten selbst im Labor. Die meisten Tätigkeiten finden am Schreibtisch statt.

Von meiner Jobsuche kann ich sagen, dass Praktika und Auslandsaufenthalte in vielen Stellenausschreibungen als Voraussetzungen für Bewerber genannt werden. Daher rate ich Studenten, nicht zu ehrgeizig zu sein und alles in Regelstudienzeit durchziehen zu wollen, sondern während des Studiums und/oder zwischen Bachelor und Master ein oder sogar zwei Urlaubssemester einzulegen, um Praxis- bzw. Auslandserfahrungen zu sammeln. Wenn man schon während des Studiums Kontakte in die Industrie knüpfen kann, springt vielleicht sogar ein späterer Job dabei heraus. Studiendauer und Noten waren übrigens in keinem meiner Vorstellungsgespräche ein Thema.

Frauen, die eine ähnliche Laufbahn mit Bachelor, Master und Promotion anstreben, muss klar sein, dass sie fast 30 Jahre alt sind, wenn sie sich um einen Job in der Industrie bewerben wollen. Dass alle Unternehmen Frauen in diesem Alter mit offenen Armen empfangen, ist leider eine Wunschvorstellung.

Was machst du heute?

Nach der Promotion hatte ich die Möglichkeit, an der Uni zu bleiben. Nach ein paar Jahren als Projektmanagerin wollte ich aber gerne noch etwas anderes kennenlernen und habe mich nach Stellen umgesehen. Da ich ein Familienmensch und örtlich gebunden bin, hat es allerdings schon ein paar Bewerbungen und Vorstellungsgespräche gebraucht, bis ich etwas Passendes gefunden habe. Derzeit arbeite ich an einem Institut im Bereich der Lebensmitteltechnologie.

Bereust du es, die künstlerische Laufbahn nicht weiter verfolgt zu haben?

Auch wenn ich im Nachhinein wahrscheinlich nicht noch einmal promovieren würde, bin ich mit meinem Werdegang zufrieden. Mein Interesse für Grafikdesign und andere künstlerische Tätigkeiten habe ich stets privat weiter verfolgt. Übrigens kann ich meine gestalterischen Fähigkeiten sogar in meinem jetzigen Beruf gut einsetzen. Als Wissenschaftler muss man seine Ergebnisse nämlich ständig in ansprechender und verständlicher Weise präsentieren. Hier kommen mir meine Erfahrungen aus der Werbeagentur sehr zugute.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für dich!

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