Ab wann sind Azubis eigentlich alt?

Zunächst die brennende Frage: Wann gilt eine Auszubildende bzw. ein Azubi überhaupt als „alt“ bzw. „älter“? Rein rechtlich gibt es keine Altersvorgabe, also auch kein Höchstalter, um eine Berufsausbildung zu beginnen. Doch wie alt sind die Menschen tatsächlich, wenn sie eine Berufsausbildung starten? Im Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2022 findet sich für 2020 ein Durchschnittsalter von 19,9 Jahren; 56.810 Personen waren beim Ausbildungsstart 24 Jahre oder älter, 1.860 waren 40 Jahre oder älter. Weitere ältere Altersgruppen werden in der Statistik nicht differenziert. 


Nie zu spät: Gründe für Ausbildung

Es gibt vielfältige Gründe, warum Menschen im fortgeschrittenen Alter (nochmal) eine Ausbildung machen möchten und freiwillig die Berufsschulbank drücken:

  • Sie sind ungelernt und möchten mit der Erstausbildung einen Berufsabschluss nachholen (warum es in jungen Jahren nicht mit einem Berufsabschluss geklappt hat, kann dabei verschiedene Ursachen haben).
  • Sie kommen aus dem Ausland und möchten einen Berufsabschluss in Deutschland machen (möglicherweise, weil der vorhandene Abschluss nicht anerkannt wird).
  • Sie hatten eine längere berufliche Auszeit (z. B. wegen Kindererziehung oder Pflege eines Angehörigen) und suchen nun einen Wiedereinstieg.
  • Sie haben lange Zeit studiert, sehen jedoch ein, dass sie ihr Studium nicht abschließen werden.
  • Sie haben ihr Studium abgeschlossen, doch das Studienfach ist so exotisch, dass sie keinen Job finden.
  • Der Beruf, den sie ursprünglich erlernt haben, hat sich stark gewandelt oder ist weggefallen, weshalb sie einen Neueinstieg suchen.
  • Sie können ihren erlernten Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben.
  • Die persönlichen Interessen haben sich geändert, so dass der bisherige Job nicht mehr erfüllend ist.

 Ü30, Ü40 oder Ü50 – was ältere Azubis mitbringen

Statistiken wie oben zeigen, dass es noch eher die Ausnahme ist, Menschen im fortgeschrittenen Alter als Azubis einzustellen. Dabei bringen sie viele wertvolle Eigenschaften und Fähigkeiten für das Berufsleben mit:

  • Allgemeine Lebenserfahrung: Erwachsene aus höheren Altersgruppen haben häufig schon so manchen Sturm durchlebt. Sie mussten mit schwierigen Situationen umgehen, Widerstände überwinden und Krisen durchleben. Sie sind gestärkt und werden sich bei Rückschlägen nicht so schnell unterkriegen lassen.
  • Vielseitige Berufserfahrungen und Branchenkenntnisse: Wer seinen Lebensunterhalt bislang mit wechselnden Jobs bestritten hat, bringt häufig einen großen Schatz an Erfahrungen und Transferwissen mit.
  • Menschenkenntnis: Zu dem o. g. Erfahrungsschatz gehört auch ein gewisses Maß an Menschenkenntnis und Sozialkompetenz, denn Ältere sind in ihrem Berufs- und Privatleben meist schon allen möglichen Charakteren begegnet und mussten mit unterschiedlichen Persönlichkeiten umgehen.
  • Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit: Ältere Azubis sind häufig reifer, da sie bereits mehr Verantwortung in ihrem Leben tragen, z. B. für ihre eigene Familie.
  • Motivation und Lernbereitschaft: Wer etwas Neues anfängt, hat sich das meist gut überlegt. Sich als berufserfahrener Erwachsener auf berufliches Neuland zu begeben, zeugt von Mut, Motivation und Lernbereitschaft.
  • Einsatzbereitschaft und Ehrgeiz: Menschen im fortgeschrittenen Alter sind häufig sehr reflektiert; sie kennen ihre Stärken und Schwächen; wissen, was sie können und was sie wollen bzw. nicht wollen. Dafür setzen sie sich ein.
  • Disziplin und Arbeitsmoral: Ältere nehmen ihre Arbeit meist sehr ernst und führen ihre Aufgaben mit großer Sorgfalt und Besonnenheit aus. Außerdem haben sie gegenüber ihrem Arbeitsgeber meist eine hohe Loyalität.

Aufgrund ihrer Reife, Erfahrungen und Fähigkeiten sind ältere Azubis eine Bereicherung und stellen gerade in gemischten Teams einen guten Gegenpol zu den jüngeren, unerfahreneren Kolleginnen und Kollegen dar. Doch wie können Sie ältere Menschen als Azubis gewinnen?

Ausbildung für ältere Erwachsene anbieten: Tipps

  • Zeigen Sie, dass Wertschätzung und Diversität wichtige Werte Ihrer Unternehmenskultur sind. In Ihrer Kommunikation – sowohl nach innen als auch nach außen – sollte deutlich werden, dass in Ihrem Unternehmen Mitarbeitende aus unterschiedlichen Lebens- und Altersphasen willkommen sind und dass die Fähigkeiten jedes Einzelnen gefragt sind und wertgeschätzt werden.
  • Richten Sie Ausbildungsmarketing und Bewerberkommunikation so aus, dass sich auch Menschen im fortgeschrittenen Alter ermutigt fühlen, sich zu bewerben.
  • Falls Sie einen älteren Azubi haben, der seinen Weg in Ihrem Betrieb gemacht hat: Setzen Sie ihn als Botschafter ein!
  • Gestalten Sie Ihren Bewerbungsprozess so einfach wie möglich.
  • Je nachdem, welchen Stellenwert Anschreiben und Lebenslauf in Ihrem Auswahlprozess haben: Geben Sie Bewerbungstipps (viele – nicht nur die Älteren - wissen nicht oder nicht mehr, wie man eine Bewerbung schreibt).
  • Schauen Sie auf den Menschen, auf seine Soft Skills, seinen Erfahrungsschatz und seine Motivation für den Job – nicht auf die fehlenden Formal-Qualifikationen.
  • Zeigen Sie finanzielle Hilfen auf, nennen Sie Anlaufstellen und unterstützen Sie bei Bedarf bei der Antragsstellung.
  • Integrieren Sie die Älteren in Ihren Betrieb und fördern Sie Zusammenarbeit, Austausch und Kommunikation, z. B. durch gemischte Arbeits- und Projektgruppen, aber auch durch Teamevents und gemeinsame Aktivitäten.
  • Was bei älteren Arbeitnehmern allgemein wichtig ist, gilt natürlich auch für Ihre älteren Azubis: Gestalten Sie die Arbeit so, dass die körperliche und geistige Gesundheit und damit auch die Arbeitsleistung der Älteren erhalten bleibt. Dazu zählen beispielsweise Präventionsmaßnahmen, die ergonomische Gestaltung von Arbeitsplätzen, flexibles Arbeiten u. v. m. 

Finanzielle Hilfen für ältere Azubis

Wer als älterer Mensch eine Ausbildung beginnt, gibt dafür nicht selten seinen bisherigen Broterwerb auf. Für einen gewissen Zeitraum gilt es also, seinen Lebensunterhalt mit weniger finanziellen Mitteln als vorher zu bestreiten. Je nach persönlicher Situation können aber Hilfen in Anspruch genommen werden:

  • Berufsausbildungsbeihilfe
  • BAföG (bei schulischen Ausbildungen)
  • Weiterbildungsförderung
  • Bildungsgutschein
  • Wohngeld
  • Bildungskreditprogramm der Bundesregierung

Einen guten ersten Überblick über die Fördermöglichkeiten für die Ausbildung gibt es beim Deutschen Erwachsenen-Bildungswerk unter deb.de/ausbildung/foerdermoeglichkeiten/. Welche Hilfen für Ihre Auszubildende bzw. Ihren Azubi konkret infrage kommen, hängt von verschiedenen Faktoren wie Art der Ausbildung (Erstausbildung, Zweitausbildung, Umschulung), Alter, Einkommen des Partners u. v. m. ab. Am besten lässt man sich dazu von der Agentur für Arbeit und/oder dem Jobcenter beraten.

Ergänzend zu diesen Mitteln können Sie als Ausbildungsbetrieb die Ausbildungs- bzw. Umschulungsvergütung ihrer Altlehrlinge selbst noch etwas aufbessern, z. B. durch Zuschüsse zu Fahrtkosten, Kinderbetreuungskosten oder Prämien für bestandene Zwischen- oder Abschlussprüfungen.

Personengruppen für einen möglichst großen Bewerberpool

Um möglichst viele Bewerberinnen und Bewerber zu gewinnen, ist Heterogenität angesagt. Diese Gruppen können Sie bei Ihrem Azubi-Recruiting in Betracht ziehen:

Fazit

Wer ältere Menschen beschäftigt – egal ob als Azubi, Fachkraft oder Führungskraft – muss sich zwangsläufig mit den Themen Altersdiskriminierung und Generationenkonflikt auseinandersetzen. Studien zeigen, dass gemischte Teams aus unterschiedlichen Persönlichkeiten, Kulturen und Altersklassen besonders erfolgreich sind. Nutzen Sie das und setzen Sie auf Vielfalt – nicht nur auf dem Papier, sondern als gelebte Praxis. Eine Möglichkeit sind zum Beispiel Buddy-Programme, bei denen Alt und Jung ein Tandem bilden und voneinander und miteinander lernen. Ist Diversity in Ihrer Unternehmenskultur fest verankert, kommt es gar nicht erst zu Diskriminierungen und Konflikten.

Ein weiteres wichtiges Thema bei der Beschäftigung von Älteren ist das Gesundheitsmanagement: Je älter die Mitarbeitenden, desto stärker sind gut gemachte Konzepte zur Prävention und Gesundheitsförderung gefragt, um die physische und psychische Gesundheit und damit auch die Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Die Arbeit lohnt sich: Wer in ältere Menschen investiert, gewinnt loyale Fachkräfte mit Lebens- und Berufserfahrung, die nicht selten bis zum Renteneintritt im Unternehmen verbleiben.

Weitere Infos: Auf www.kofa.de/mitarbeiter-finden/zielgruppen/aeltere/ finden Sie ein Informationsangebot des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung zu älteren Beschäftigten.

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