Annette Ott vom Caritas-Centrum hat die jungen Leute fest im Blick. Drei sitzen im Rollstuhl, drei stehen dahinter. „Immer daran denken, Fußklappen runter, damit die Menschen einen Halt haben. Und Vorsicht an den Bordsteinkanten“, sagt Ott. Zu viel Schwung sei gefährlich, denn dann könne der Sitzende leicht nach vorne kippen. Ja, auch Rollstuhl schieben muss gelernt sein. Dieser Aufgabe widmen sich für einige Stunden junge Auszubildende der Wieland-Werke, die ein einwöchiges soziales Praktikum im Caritas-Centrum Illersenio absolvieren. Sie wollen Einblick in eine andere Art zu leben gewinnen. Ein Teil ist bei der Caritas tätig, andere in den Donau-Iller-Werkstätten, wo Menschen mit Behinderungen arbeiten.

Für die Bewohner des Vöhringer Hauses ist es ein ungewöhnlicher Anblick, von mehreren jungen Leuten umgeben zu sein. Fritz Fischer ist 96 Jahre alt und kann sein Bein nur waagerecht gestreckt halten. „Das kommt von einer Kriegsverletzung, das Knie kann ich nicht abknicken.“ Solche und ähnliche Geschichten hören die jungen Leute, die eines sehr schnell gelernt haben: Zuhören und den Menschen Aufmerksamkeit schenken.

Da ist zum Beispiel Sven Ehrhart, 20 Jahre alt, der sich auf seinen Beruf vorbereitet. Er will Maschinenbauingenieur werden. An einem sozialen Projekt teilzunehmen, das habe ihn interessiert. „Es macht mir Freude, dabei zu sein.“ Aber er gibt auch zu, dass manches für ihn „bedrückend“ ist. Und dann schweifen die Gedanken in die Zukunft, „wie wird es mir wohl mal im Alter ergehen?“ Andererseits hat er entdeckt, wie viele kleine Dinge die älteren Menschen erfreuen.

In der Ausbildung bei den Wieland-Werken werden nicht nur Theorie und Praxis vermittelt, auch das Erlangen von Sozialkompetenz wird gefördert. In diesem Jahr widmeten sich 67 jungen Leute der Altenpflege oder der Arbeit mit Behinderten. Angedacht sei, das Projekt immer zum Ende des zweiten Ausbildungsjahres stattfinden zu lassen. Nach Auskunft von Wieland soll es als feste Einrichtung etabliert werden.

Tanja Glöckle, 23 Jahr alt, durchläuft eine Lehre zur Industriekauffrau mit Zusatzqualifikation. „Für mich ist das hier eine neue Erfahrung, mich mit der älteren Generation zu beschäftigen. Es gibt alte Menschen, die noch voll im Leben stehen, Anteil an allem nehmen. Aber man sieht auch andere.“ Das lässt Tanja schon darüber nachdenken, wie mit der eigenen Gesundheit umgegangen wird.

Den sozialen Bereich kennenzulernen, war auch Wunsch des 26-jährigen Felix Reitter. Sein Berufsziel: Maschenbauingenieur. Seine Tätigkeit im Caritas-Centrum bezeichnet er als facettenreich. Da gebe es die Menschen, die selbst im hohen Alter noch geistig auf der Höhe sind. Aber für ihn sei es erschreckend zu sehen, dass manche Menschen bettlägerig sind. „Da empfinde ich hohen Respekt vor den Menschen, die pflegen.“ Dass die kranken oder alten Menschen keine Zuwendung mehr spüren, zieht Felix in Zweifel. Er ist davon überzeugt, dass Berührung oder ein Streicheln durchaus wahrgenommen wird.

Annette Ott zeigt sich überrascht, wie offen sie mit den jungen Menschen umgehen kann und wie „toll sie mitmachen.“ Zuständig ist sie für die Betreuung und Beschäftigung der Menschen, die vieles oder fast alles noch selbstständig machen können. „Das ist bei uns wohnbereichsübergreifend.“ Für diese Aufgabe hat sie Martina Schinzel an ihrer Seite. Sie kommt noch einmal auf das Rollstuhlfahren zurück. „Das ist eine Aufgabe, in der Vertrauen zwischen dem herrschen muss, der im Rollstuhl sitzt und dem, der ihn fährt.“ Eine Ansicht, die von den Auszubildenden geteilt wird. Für die jungen Menschen geht eine Woche zu Ende, in der sie vor Herausforderungen standen und mit neuen Lebenssituationen fertig werden mussten. Zweifellos nehmen sie auch Eindrücke mit nach Hause, wie es sich anfühlt, auf andere Menschen angewiesen zu sein und ständig Hilfe zu brauchen. Das mache schon nachdenklich, sagen sie zum Schluss.

Quellen:

  1. Ursula Katharina Balken Einblick in die Seniorenarbeit (abgerufen am 16.8.2017)

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