Frau Kuschnereit, in vielen Bereichen war die Pandemie ein Beschleuniger für die digitale Zusammenarbeit. Wie verhält es sich denn beim Recruiting von Auszubildenden?

Der Großteil der gut 23.000 Ausbildungsstandorte, die in unserem Ausbildungsportal ausschreiben, haben die Herausforderung angenommen und ihren Recruitingprozess digitalisiert und somit an die pandemiebedingten Anforderungen angepasst. Viele etablierten neue Softwarelösungen, stellten ihren Ablauf der Azubi-Gewinnung auf kontaktlose Varianten um und setzen zur Bewerberauswahl Online-Tests und digitale Assessmentcenter ein. Bewerbungsgespräche werden vermehrt online, per Telefon oder per Video durchgeführt. Andere konnten bereits etablierte, digitale Strukturen auf den Prüfstand stellen und optimieren. Vereinzelt gab es allerdings auch Ausbildungsbetriebe, die diesem Trend nicht folgten. Insgesamt kann man sagen: Die Pandemie kann mit allen Herausforderungen als Innovationstreiber und Beschleuniger der Digitalisierung und somit des digitalen Recruitingprozesses gelten.

Was raten Sie den Unternehmen gerade jetzt in dieser Situation bei der Suche?

Aufgrund ausgefallener Präsenzveranstaltungen wie Berufsbildungsmessen, Tage der offenen Tür usw. müssen Ausbildungsbetriebe andere Wege gehen und Kanäle finden, über die sie wahrnehmbar und präsent sind. Neben den eigenen Firmen- und Karrierewebseiten sind dies Online-Ausbildungsportale, Social-Media-Kanäle, virtuelle Jobmessen, Bewerbertage u.v.m. Wichtig ist, in allen genutzten Kanälen klar zu kommunizieren, dass das Unternehmen weiterhin ausbildet. Viele Jugendliche sowie deren Eltern sind stark verunsichert und fragen sich, ob es aktuell überhaupt Sinn macht, Bewerbungen zu versenden. Die Sorge um die berufliche Zukunft ist immanent. Unser Rat: Möchten Recruiter derzeit Bewerbungen erhalten, so sollten sie hierzu ein klares Statement abgeben. Ausbildungsbetriebe, die ihre freien Plätze auf aubi-plus.de ausschreiben, können potenziellen Bewerbern über eine frei gestaltbare Info-Box mitteilen, dass sie weiterhin ausbilden und darüber informieren, wie der Bewerbungsprozess derzeit abläuft – damit sorgen sie für Klarheit und geben Sicherheit.
Generell in Bezug auf Ausbildung und digitale Transformation: Werden die Chancen digitaler Technologien genutzt?

Wie eingangs erwähnt, haben Unternehmen auf neue digitale Wege umgeschwenkt, um auch in Pandemie-Zeiten Azubis zu gewinnen und auszubilden. So gaben im Corona-Stimmungsbarometer 2020 unseres Partners u-form Testsysteme 30 Prozent der Unternehmen an, dass sie ihr Auswahlverfahren umgestellt haben; 20 Prozent dachten zum Zeitpunkt der Befragung darüber nach, hatten aber noch nichts umgesetzt.

Über die Hälfte der Unternehmen verlagerte die Ausbildung ins Homeoffice und bot beispielsweise virtuellen Unterricht per Videokonferenz, Selbstlernaufgaben, virtuelle Fragestunden, Video-Tutorials und Telefon-Gespräche. Manche Unternehmen heben sich besonders ab: Bei unserem Kunden Murrelektronik wurden sogar die gewerblich-technischen Azubis ins Homeoffice geschickt und für den neuen Jahrgang der dualen Studenten erfolgte der Ausbildungsstart direkt im Homeoffice.

Derzeit läuft die Befragung zur neuen Studie Azubi-Recruiting Trends 2021. Herausgeber ist ebenfalls u-form Testsysteme; wir von AUBI-plus sind wiederholt Studienpartner und begleiten das Thema E-Learning in der Ausbildung. In der letzten Studie fanden wir heraus, dass erst jeder zweite Ausbildungsbetrieb (54,7 %) digitale Lernformen in der Ausbildung einsetzte, obwohl drei Viertel der befragten jungen Menschen (74,1 %) in ihrer Ausbildung gerne digital unterstützt lernen wollten. Die Ergebnisse der diesjährigen Studie werden nun zeigen, inwieweit sich das digital unterstützte Lernen in der betrieblichen Ausbildung weiterentwickelt hat und in welchem Ausmaß digitale Technologien genutzt werden.

Welche Vorteile haben denn Unternehmen im War for Talents, die selbst zu „Digital Natives“ geworden sind?

Für Unternehmen, die in die Thematik hineinwachsen und durch die stärkere Nutzung digitaler Tools zu sog. Digital Immigrants werden, ergeben sich verschiedene Vorteile. Generell soll die Digitalisierung helfen, die Arbeit zu beschleunigen, zu vereinfachen und Standards zu etablieren. Dadurch können viel Zeit und Ressourcen gespart werden. Ausbildungsbetriebe, die einfach zu handhabende, digitale Bewerbungswege anbieten, Pre- und Onboarding mit digitalen Tools gestalten und in der Ausbildung E-Learning einsetzen, werden als modern und zeitgemäß wahrgenommen und können für junge Menschen sehr attraktiv sein.

Dennoch bleibt die Umstellung von analog auf digital eine große Herausforderung, die einiges an Ressourcen erfordern kann: Hard- und Software müssen angeschafft und das Personal in der Anwendung geschult werden. Für manche Unternehmen ist die Digitalisierung ein riesiger Berg, an den sie sich erst einmal herantrauen müssen.

Wie können sich Mittelständler erfolgreich positionieren, um Auszubildende auf das Unternehmen aufmerksam zu machen?

Kleine und mittlere Unternehmen sowie Unternehmen aus dem B2B-Bereich haben häufig nicht die Strahlkraft wie große Konzerne mit bekannten Marken und sind bei den jungen Menschen weniger im Fokus. Um für Aufmerksamkeit zu sorgen, empfehlen wir eine Kombination aus unterschiedlichen Maßnahmen sowie die Nutzung verschiedener Kanäle. Videos, Interviews, Erfahrungsberichte, Podcasts und andere Medien können dazu beitragen, dass sich interessierte Bewerber ein besseres Bild von dem Unternehmen an sich und der angebotenen Ausbildung machen können. Neben Infos, was das Unternehmen macht, welche Produkte und Dienstleistungen es anbietet, welche Märkte es beliefert etc. sollten Ausbilder unbedingt herausarbeiten, wofür das Unternehmen steht und was es so besonders macht – und zwar nicht in blumigen 08/15-Formulierungen, sondern ehrlich, authentisch und leicht verständlich. Dies betrifft ebenfalls die Formulierung der Stellenanzeigen für Ausbildungsplätze. Hier gibt es bei vielen Unternehmen Luft nach oben, diese noch ansprechender zu gestalten und häufige Fragen junger Bewerber schon vorweg zu nehmen, z. B. zu Ausbildungsinhalten und Aufgaben, Ausbildungsvergütung und weiteren Benefits sowie zu Perspektiven und Entwicklungswegen nach der Ausbildung.

Ebenfalls können wir Mittelständlern empfehlen, schon früh den Kontakt zu Jugendlichen herzustellen, z. B. über die Zusammenarbeit mit regionalen Schulen. Neben den Lehrkräften sind auch die Eltern wichtige Ansprechpartner und Einflussnehmer bei der Berufsorientierung. Einige Unternehmen machen daher bereits Informations- und Veranstaltungsangebote für Eltern. Eine weitere Möglichkeit, die Mittelständlern helfen kann, sich als attraktiver Ausbildungsbetrieb zu positionieren, sind Arbeitgeberauszeichnungen, wie beispielsweise das Gütesiegel BEST PLACE TO LEARN, welches eine besonders qualitativ hochwertige Ausbildung verspricht.

Sobald die Rahmenbedingungen dies wieder zulassen, sollten Unternehmen auch wieder Praktikumsplätze und Ferienjobs anbieten. Vielversprechenden Kandidaten kann man dann später einen Ausbildungsvertrag anbieten – vorausgesetzt, dass es gelingt, über die Zeit in Kontakt zu bleiben.

Wenn Sie 3 Wünsche frei hätten zur Berufsausbildung, welche wären das?

Von der Berufsausbildung allgemein wünsche ich mir, dass sie wieder einen höheren Stellenwert und mehr Anerkennung in unserer Gesellschaft findet. Dafür muss allerdings an ein paar Stellen, u. a. in den Elternhäusern, umgedacht werden. Es braucht nicht zwingend ein Studium, um Karriere zu machen und gute Gehaltsaussichten zu haben. Auch eine Berufsausbildung in Verbindung mit einer Aufstiegsfortbildung eröffnet sehr gute Zukunftschancen.

Deshalb richtet sich mein zweiter Wunsch an die Mütter und Väter: Sie sollen eine Ausbildung als das ansehen, was sie ist: Eine sehr gute Möglichkeit für ihr Kind, im Berufsleben Fuß zu fassen und, falls es gewünscht ist, Karriere zu machen. Mit unserer Elternarbeit zielen wir darauf ab, Mütter und Väter als eine entscheidende Einflussgröße der jungen Menschen anzusprechen, über Entwicklungswege aufzuklären und die Gleichwertigkeit von Ausbildung und Studium herausstellen. Für manche ist es einfach nicht das richtige, 12 oder 13 Jahre lang die Schulbank zu drücken, um danach weitere drei oder sogar fünf Jahre im Hörsaal zu sitzen. Wer den Praxisbezug sucht, trifft mit einer Ausbildung eine gute Wahl. Sie ist auch keine Sackgasse, denn es gibt viele Wege, danach weiterzumachen, wie beispielsweise Fort- und Weiterbildungen oder ein berufsbegleitendes Studium.

Eine gute Berufsausbildung steht und fällt u. a. mit dem Personal, wie unser Qualitätsreport Ausbildung 2020 zeigt. Deshalb wünsche ich mir als drittes, dass die Ausbildungsbeauftragen mehr Zeit für ihre Ausbildungsaufgabe bekommen. Natürlich ist es mit mehr Zeit allein nicht getan – wichtig ist ebenfalls, dass das Ausbildungspersonal mit dem bestmöglichen Ausbilderwissen ausgestattet ist, z. B. durch arbeitsplatznahe, digitale Lernformen wie E-Learning, Onlinekurse und Webinare.

Sie forschen regelmäßig zur Qualität in der Ausbildung und haben ein eigenes Zertifizierungsverfahren für Ausbildungsbetriebe entwickelt. Was sind Ihre Beobachtungen? Welche Trends machen Sie aus?

Im Rahmen unserer Zertifizierungsarbeit befassen wir uns seit 2014 mit der Frage, welche Faktoren eigentlich über den Erfolg einer Berufsausbildung entscheiden und geben den Qualitätsreport Ausbildung heraus. Inzwischen haben wir rund 140 Ausbildungsbetriebe erfolgreich zertifiziert. Dabei konnten wir vor allem eine Gemeinsamkeit beobachten, die sich durch alle Unternehmen gleich welcher Größe und Branche hindurchzieht: Die positive Haltung der Verantwortlichen gegenüber der Ausbildung im Allgemeinen und gegenüber den Azubis im Speziellen.

Für die Azubis bedeutet dies: Sie werden gut und schnell integriert, sie fühlen sich willkommen und finden sich in ihrem neuen Umfeld schnell zurecht. Von Anfang an gehören sie mit dazu, werden ernst genommen, wie vollwertige Teammitglieder behandelt und mit realen, betrieblichen Arbeitsaufträgen betraut. Gespräche finden regelmäßig und auf Augenhöhe statt, sie erfahren Respekt und Wertschätzung. All diese Faktoren spiegeln sich am Ende in der Zufriedenheit der jungen Leute mit der Ausbildung: Rund 85 Prozent der Azubis unserer Best Places sind mit ihrer Ausbildung sehr zufrieden.

Die Pandemie und auch der neuerliche Lockdown setzen vielen, insbesondere kleineren, Unternehmen zu. Fürchten Sie, dass sich das auf die Ausbildung in den Unternehmen auswirkt?

Wie im ersten Lockdown auch, sind von dem Erneuten wieder bestimmte Branchen im besonderen Maße betroffen. Dies könnte sich auf bestehende Ausbildungsverträge auswirken. Für Auszubildende beispielsweise in der Gastronomie, der Tourismusbranche, in bestimmten Einzelhandelsgeschäften oder in der Friseur- und Kosmetikbranche, bleibt die Situation unsicher. Viele Ausbildungsbetriebe kämpfen erneut um ihre Existenz oder geraten im zweiten Lockdown in diese bedrohliche Situation. Da fragen sich die jungen Menschen, ob sie ihre Ausbildung in dem gewählten Unternehmen tatsächlich beenden können.

Im Jahr 2020 beworben sich zudem weniger Jugendliche um eine Ausbildungsstelle. Auch dieses Jahr könnte es vermehrt zu Ausfällen hinsichtlich Praktika, schulische Berufsorientierung, Berufsberatung oder Berufsbildungsmessen kommen, was sich wiederum negativ auf die Anzahl der potenziellen Bewerber auswirken könnte. Darüber hinaus wurde im letzten Jahr auch ein Rückgang angebotener Ausbildungsstellen bis zum Spätsommer verzeichnet. Allerdings kam es vermehrt noch im Herbst zu Abschlüssen von Ausbildungsverträgen, auch noch nach dem eigentlichen Ausbildungsstart im Sommer.

Wir müssen abwarten, wie sich die derzeitige Pandemiesituation und der Erfolg der Impfstrategie entwickeln wird. Jedoch ist es bis zum Sommer noch Zeit und mit einem vorhandenen Impfstoff und entsprechenden Maßnahmen besteht Hoffnung, dass die Berufsvorbereitung und der Ausbildungsstart 2021 insgesamt positiver verlaufen könnte. Auch die staatliche Unterstützung für Ausbildungsbetriebe, das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“, wurde angepasst und ausgeweitet, sodass mehrere Unternehmen nun Anspruch auf Förderung haben.

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