Hallo Frau Horstmeyer, erst einmal vielen Dank, dass Sie sich für das Interview bereit erklärt haben. Was hat Sie dazu bewegt, sich auf dem zweiten Bildungsweg für eine Ausbildung zu entscheiden?

Ich war vor meiner kaufmännischen Ausbildung als Tagesmutter von Zuhause aus tätig. Das war für uns eine gute Möglichkeit, Familie und Beruf zu verbinden. Nach 10 Jahren im „Home Office“ kam bei mir der Wunsch auf, mich noch einmal beruflich zu verändern. Meine ursprüngliche Ausbildung zur gestaltungstechnischen Assistentin habe ich 1996 abgeschlossen. Obwohl ich einige Jahre Berufserfahrung mit diesem Abschluss sammeln konnte, habe ich doch feststellen müssen, dass sich zu viel in dem Bereich verändert hat, um wieder dort weiter zu machen, wo ich aufgehört habe. Dadurch bot sich mir dann die Gelegenheit, mich noch einmal komplett neu zu orientieren.

Wie waren die Reaktionen in Ihrem Umfeld?

Ich habe durchweg positive Reaktionen auf meine Entscheidung bekommen. Obwohl ich zugeben muss, dass wir die komplette Bewerbungsphase für uns behalten haben, um Verunsicherungen von außen zu vermeiden. Der Neuanfang war für mich schon ein großer Schritt, über den ich mir natürlich viele Gedanken gemacht habe.

Wie war der Bewerbungsprozess? Hat er sich von anderen unterschieden?

Der Bewerbungsprozess hat sich nicht wirklich von anderen unterschieden. Nachdem ich meine Bewerbungsunterlagen online eingereicht habe, wurde ich zu einem Eignungstest mit anschließendem Bewerbungsgespräch eingeladen. Auf Grund meines Alters wurden mir dann natürlich Fragen gestellt, wie zum Beispiel „Wie wäre das für Sie als Auszubildende, wenn Ihre Kolleginnen, Vorgesetzten oder Lehrer viel jünger sind als Sie?“. Ich war mir meiner Stellung als zukünftige Auszubildende bewusst. Mir war klar, dass ich noch einmal ganz unten anfange würde und dass das für mich ok ist. In meinem Bewerbungsschreiben hatte ich bereits erwähnt, dass meine familiäre Situation eine Ausbildung problemlos zulassen würde. Von den Erzählungen meiner jetzigen Kolleginnen weiß ich, dass mein Alter natürlich für einige Fragen gesorgt hat, die ich in unserem persönlichen Gespräch dann aber zu deren Zufriedenheit beantworten konnte. Zusätzlich wurde mir noch ein Probe-Arbeitstag angeboten, an dem man mir bereits die Zusage für meinen Ausbildungsstart mitgeteilt hat. Ich freue mich noch heute sehr darüber, dass meine Kolleginnen eine ältere Auszubildende in Erwägung gezogen haben und mir damit die Chance für diese Ausbildung gegeben haben.

Hat es im ersten Anlauf geklappt oder gab es viele Hindernisse?

Bei mir hat es tatsächlich beim ersten Mal geklappt. Glücklicherweise gab es aber nicht so viele Mitbewerber*innen für meinen Bereich, sodass die Konkurrenz nicht all zu groß war.

Wie waren die ersten Arbeitstage? Sind Ihre Kolleginnen und Kollegen mit Ihnen anders umgegangen?

Ich habe mich sehr auf den Start meiner Ausbildung gefreut, war aber auch mächtig aufgeregt vor meinem Neustart. Empfangen worden bin ich sehr herzlich und ich fühle mich auch heute noch sehr wohl in unserem Team. Während meine Kolleginnen mir immer das Gefühl von Gleichwertigkeit vermitteln, nehme ich trotzdem und gerne die Aufgaben einer Auszubildenden wahr. Sowohl meine Mitschüler*innen und Lehrer*innen in der Berufsschule als auch meine Kolleginnen im Büro haben natürlich viele Fragen zu meinem Lebenslauf gestellt. Auch hier waren die Reaktionen wieder durchweg positiv und der Umgang mir gegenüber ganz „normal“.

Welche Herausforderungen gibt es im Umgang mit den anderen Auszubildenden im Betrieb und in der Berufsschule?

Herausforderungen gab es für mich keine. Von den Lehrer*innen werde ich als „normale“ Schülerin behandelt und für meine Mitschüler*innen bin ich eine von Ihnen. Auch hier fühle ich mich wirklich wohl. Dazu kommt, dass ich als „ältere Auszubildende“ bei einer 6-Tage-Woche die meiste Zeit der Woche mit Gleichaltrigen im Büro verbringe, während nur an meinen zwei Schultagen eine ganze Generation zwischen meinen Mitschüler*innen und mir liegt, was sich natürlich an den Gesprächsthemen bemerkbar macht. Bei meinen Mitschüler*innen ist das genau umgekehrt, die verbringen oft nur 2 Tage ihrer Woche mit Gleichaltrigen. Das spricht doch für eine späte Ausbildung, oder?

Fällt Ihnen das Lernen in der Berufsschule leichter oder schwerer als Ihren Mitschülerinnen und Mitschülern?

Ich würde schon sagen, dass es mir schwerer fällt. Es gibt mitunter große Unterschiede zu den „damaligen“ Lehr- und Lernmethoden. Gerade in Bezug auf die Digitalisierung haben meine Mitschüler*innen am Anfang oft einen großen Vorteil gehabt. Ich habe vor Beginn der Ausbildung zum Beispiel noch nie eine PowerPoint Präsentation erstellt, ich war es nicht gewohnt die Unterrichtsmaterialien größtenteils nur digital zur Verfügung gestellt zu bekommen, … Außerdem merke ich leider, dass meine Merkfähigkeit nachgelassen hat. Das Lernen war am Anfang schon sehr ungewohnt. Es führte und führt dazu, dass die Ausbildung für mich sehr zeitintensiv ist, was ich ehrlich gesagt etwas unterschätzt habe.

Haben Sie Tipps für die Menschen, die zweifeln, ob sie nicht „zu alt“ für eine Ausbildung sind?

Mein Tipp heißt „Machen“! Für eine Ausbildung ist man nie zu alt. Ich habe es auf keinen Fall bereut und würde es immer wieder machen. Sicher gibt es die ein oder andere Hürde, ob bei der Bewerbung, in der Schule oder im Alltag. Für mich gab es aber nichts, was ich nicht lernen oder üben konnte, um meine Defizite auszugleichen. Man findet sich da wirklich rein. Und, wer sich „im Alter“ noch für eine Ausbildung interessiert, der ist sicher auch so offen, sich den neuen Aufgaben und Herausforderungen zu stellen. Es lohnt sich!

Vielen Dank für das Interview! Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg für Ihre Ausbildung!

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