Auszubildende benötigen die Fähigkeit, sich Dinge selbst zu erarbeiten (und dann auch zu behalten!). Denn das, was ich heute lerne, ist oft in wenigen Jahren schon überholt. Also muss es schon während der Ausbildung darum gehen, das viel beschworene „lebenslange Lernen“ zu lernen und zu praktizieren. Ja richtig – das kann und muss man lernen. Leider bringen die meisten Auszubildenden diese Fähigkeit nicht aus der Schule mit.

Wie lernt der Mensch?

Einfache Antwort: Jeder lernt anders! Man lernt durch zuhören, zuschauen, nachmachen, selbst machen und vor allem durch selbst erarbeiten. Ein einfaches Beispiel: Sie wollen wissen, wann genau die französische Revolution war (warum auch immer Sie das wissen möchten…). Was ist der erste Schritt? Richtig – Sie googeln es. Im Zweifel landen Sie bei Wikipedia und lesen, dass die französische Revolution von 1789 bis 1799 andauerte. Wenn Sie in einigen Stunden gefragt werden, wann genau die französische Revolution stattgefunden hat, dann wissen Sie es wahrscheinlich nicht mehr – jedenfalls nicht mehr so genau.

Wie lernen wir am besten?

Wie schon geschrieben: Jeder lernt ein wenig anders. Aber es gibt Durchschnittswerte, wie man sich Lernstoff am besten aneignet: 

  • Nur Hören: 20 Prozent
  • Nur Sehen: 30 Prozent
  • Sehen und Hören: 50 Prozent
  • Sehen, Hören und Diskutieren: 70 Prozent
  • Sehen, Hören, Diskutieren und eigenes Ausführen: 90 Prozent

Die Kombination macht es also aus. Das sollten Sie als Lernbegleiterin bzw. Lernbegleiter berücksichtigen und auf die individuellen Unterschiede achten. Je besser Sie Ihre Auszubildenden kennen, desto individueller können Sie das Lernen auf ihre jeweiligen Bedürfnisse abstimmen.

Gehen Sie anders an die Frage heran, nämlich indem Sie sich auf den Weg in eine Bibliothek machen, dort in dicken Büchern nachschlagen, vielleicht bei der Gelegenheit noch das eine oder andere Bild anschauen, weiterblättern und lesen. Sie erzielen natürlich dasselbe Ergebnis, also wo ist der Unterschied? An die Daten, die Sie in der Bibliothek ermittelt haben, werden Sie sich höchstwahrscheinlich noch lange Zeit erinnern. Warum ist das so? Weil Sie sich die Antwort selbst erarbeitet haben – im wahrsten Sinn des Wortes.

Wenn wir das Gedankenspiel weiterdenken, haben wir Ihnen nur einen Tipp gegeben, wie Sie an eine Lösung des Problems herankommen können. Die Umsetzung haben Sie selbst vorgenommen. Und Sie haben dabei etwas gelernt: Nicht nur die Daten der Revolution, sondern vor allem, dass die so erarbeitete Erkenntnis dauerhafter und nachhaltiger ist als der schnelle(re) Blick in Google.

Genau genommen waren wir eben Ihr Lernbegleiter. Wir haben Ihnen nicht die Lösung präsentiert, sondern Ihnen einen möglichen Weg aufgezeigt, sich die Lösung selbst zu erarbeiten.

Noch mal zur Erinnerung: Jeder Mensch lernt anders. Es gibt also kein Patentrezept, das bei allen Auszubildenden und Themen passt. Wichtig ist, dass Sie den Lerntypus Ihrer Azubis kennen. Manchem reicht es aus, wenn Sie eine Aufgabe einmal demonstrieren und die Auszubildenden sie anschließend einmal selbst durchführen. Das ist aber nicht der Regelfall. Gerade Arbeitsabläufe bedürfen meist einer häufigen Wiederholung, um sozusagen „automatisiert“ zu werden. Denken Sie einmal an Ihre erste Fahrstunde: Kupplung treten, Gang einlegen, Kupplung kommen lassen, Gas geben, dabei auf den Verkehr achten, vielleicht noch den Blinker setzen - das war doch ganz schön kompliziert! Durch häufiges Wiederholen werden Handlungsabläufe tatsächlich so automatisiert, dass die Hände (und Füße) sie ganz von allein ‚„abspulen“ können. Das geht nur mit viel Übung, aber dann funktioniert es.

Was macht denn nun der Lernbegleiter?

Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter machen eines nicht: Sie präsentieren nicht die Lösung – sie tun vor allem nicht so, als wären sie allwissend. Es geht darum, die Auszubildenden anzuleiten, sich bestimmte Dinge selbst zu erarbeiten, auszuprobieren und dann ihre Ergebnisse vorzustellen.

An erster Stelle steht die richtige Fragestellung: Worum geht es überhaupt? Was ist die Aufgabe? Was soll das Ziel sein? Und dann: Wie komme ich dahin?

Insbesondere die letzte Frage stellt die eigentliche Aufgabe dar. Natürlich ist der Weg unterschiedlich, zum einen, weil jeder mit einer anderen Idee an die Aufgabe herangeht, und zum anderen, weil die Aufgaben sehr unterschiedlich sein können. Die reine Informationsbeschaffung hat andere Wege, als wenn sich die bzw. der Auszubildende eine neue Maschine „erarbeiten“ soll.

Wenn die Aufgabe klar ist – das muss unbedingt sichergestellt sein! – soll sich der Azubi Gedanken über „seinen“ Lösungsweg machen. Diesen stellt er Ihnen dann vor – aber nur, um sicherzugehen, dass er nicht in eine völlig falsche Richtung marschiert. Versuch und Irrtum sind eine gute und sehr nachhaltige Methode, um ein Problem zu lösen. Der Vorteil nebenbei: Fehler, die man einmal gemacht hat, macht man so schnell nicht wieder. Und es bleibt im Gedächtnis.

Nehmen wir das Beispiel, dass sich der Azubi eine für ihn neue Maschine „erarbeiten“ soll. Ihre Aufgabe als Lernbegleiterin bzw. Lernbegleiter ist zunächst, eventuelle Sicherheitsaspekte klarzustellen. Auf die Idee, dass es irgendwo doch eine Bedienungsanleitung geben müsste, sollte Ihr Schützling möglichst schon allein kommen. Ebenso, wo man sie finden könnte. Dann wird er sich in die Anleitung vertiefen und Schritt für Schritt die Maschine in Betrieb nehmen und die ersten Arbeiten erledigen. Sofern er dafür Materialien benötigt, sollte er sich selbst um die Beschaffung kümmern (soweit das möglich ist).

Die Aufgabe kann natürlich auch so aussehen, dass die bzw. der Auszubildende selbst feststellen muss, mit welcher Maschine eine Aufgabe erfüllt werden kann. Sie üben dabei nur eine beratende Tätigkeit aus – und stehen natürlich bei Fragen zur Verfügung. Aber Vorsicht: Nicht gleich jede Frage beantworten – manchmal steckt einfach Bequemlichkeit dahinter. Denn Fragen ist leichter als sich selbst Gedanken zu machen. Je konsequenter Sie darauf achten, desto eher versiegt diese Technik. Wichtig aber ist, dass Sie erkennen, wenn Ihr Azubi tatsächlich nicht weiterkommt – dann müssen Sie natürlich unterstützen. Möglichst aber wieder nicht mit einer vorgegebenen Lösung, sondern nur mit einem Tipp, wie es weitergehen könnte.

Lohnt der Aufwand?

Diese Form der Wissensvermittlung ist für die Ausbildenden aufwendiger und anstrengender als das klassische „Vormachen, Nachmachen, Falschmachen, Verbessern, Wiederholen“. Aber es lohnt sich! Mit jedem Mal werden die Azubis selbstständiger und lernen, Probleme selbst anzugehen und sich Lösungen zu überlegen. So werden sie schnell zu flexiblen, fähigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Fragestellungen und Herausforderungen ändern sich natürlich - aber wenn sie gelernt haben, Probleme anzugehen und sich selbstständig Lösungen zu erarbeiten, werden sie dies auch in Zukunft bei ganz neuen Herausforderungen schaffen!

Darüber hinaus ist das eigenständige Lösen von Aufgaben und Problemen ein Top-Motivator und spornt für künftige Aufgaben an!

LesetippSo motivieren Sie Ihre Azubis

Tipps für Lernbegleiter

Nehmen Sie sich Zeit, hören Sie zu und fragen Sie nach. Damit zeigen Sie Ihr Interesse an Ihren Auszubildenden.

  • Formulieren Sie die Arbeitsaufträge so klar und eindeutig wie möglich. Stellen Sie durch Nachfragen sicher, dass die Aufgabe richtig verstanden wurde.
  • Lassen Sie Ihren Auszubildenden Spielraum für die Art der Umsetzung – viele Wege führen zum Ziel!
  • Helfen Sie jederzeit bei Problemen, aber vermeiden Sie eine Rückdelegation – beschränken Sie sich auf Tipps, wie die bzw. der Auszubildende das Problem angehen könnte.
  • Tolerieren Sie Fehler und nutzen Sie diese als Chance für die Weiterentwicklung.
  • Geben Sie regelmäßig Feedback – wertschätzend und konkret.

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