Von welchen Suchtmitteln sprechen wir?

Drogen und Alkohol – diese Suchtmittel nennt man wohl als Erstes, wenn es um das Thema Sucht geht. An Nikotin oder Medikamente denkt man vielleicht auch noch. Alle diese Süchte gelten als sogenannte „stoffgebundene“ Sucht, weil hier u.a. eine körperliche Abhängigkeit entsteht. Der Körper „fordert“ dann stetigen Nachschub, sonst kommt es zu Entzugserscheinungen. Jeder, der sich mal das Rauchen abgewöhnt hat, kennt das. Dabei gilt die Nikotinsucht noch eher als leichtere Variante , weil der körperliche Entzug nicht allzu lange dauert - meist etwa ein bis zwei Wochen. Die psychische Abhängigkeit bleibt sehr viel länger bestehen, weshalb es daher immer wieder zu Rückfällen kommt. 

An andere Süchte denkt man vielleicht nicht sofort, dabei sind sie nicht weniger gefährlich. Gemeint sind „stoffungebundene“ Suchtformen oder auch Verhaltenssüchte. Dazu gehören zum Beispiel die Spiel-, Arbeits- oder Mediensucht. Auf den ersten Blick scheinen diese Suchtformen nicht ganz so gefährlich zu sein wie Drogen- oder Alkoholsucht, was allerdings ein Irrtum ist. Zwar treten hier die negativen Auswirkungen auf den Körper meist erst nach längerer Zeit auf (bei Arbeits- oder Mediensucht) oder sind auf den ersten Blick gar nicht erkennbar (wie bei der Spielsucht), aber auch sie zerstören den Menschen – auf psychischer Basis. Es kommt zu massiven Veränderungen im sozialen Verhalten, zu Vereinsamung und zu Depressionen bis hin zur Suizidgefährdung. Daher dürfen diese Süchte nicht verharmlost werden. Auch bei der Arbeitssucht, die der eine oder andere Arbeitgeber vielleicht zunächst gar nicht so ungern sieht, kommt es im Laufe der Zeit zu Ausfällen, Überforderung, Stresssymptomen und auch körperlichen Beschwerden. Die psychische Belastung ist enorm hoch und zeigt Folgen. Auf Dauer profitiert der Arbeitgeber also nicht davon, sondern verliert eine gute und qualifizierte Arbeitskraft. 

Mediensucht: Corona als Brandbeschleuniger

Nicht nur Jugendliche, sondern auch viele Erwachsene haben ihren digitalen Konsum während der Coronapandemie erheblich gesteigert. Nicht immer ganz freiwillig, wenn man an das Homeschooling oder das Homeoffice denkt. Gerade die jungen Menschen haben die digitalen Medien noch mehr als zuvor genutzt, um mit anderen in Kontakt zu bleiben und sich auszutauschen. Das war ja auch gut und richtig so – aber was passiert nach der Pandemie? Schon heute ist erkennbar, dass auch in Zukunft viel mehr Meetings und Gespräche online stattfinden werden als vor der Pandemie. 

Seminare für Azubis im Onlineformat werden künftig zumindest in Teilen Präsenzveranstaltungen ersetzen. Es ist nicht nur preiswerter, sondern auch zeitlich effektiver – Reisezeiten entfallen. Wenn aber die beruflichen Onlinezeiten zu einer intensiven privaten Nutzung hinzukommen, kann es problematisch werden. 

Die intensive Nutzung von digitalen Medien führt häufig zu Bewegungsmangel und zur Vereinsamung. Wenn es kaum noch „echte“ menschliche Kontakte gibt, sondern alles nur noch online stattfindet, leiden die kommunikativen Fähigkeiten gerade junger Menschen enorm. 

Daher sollten Ausbilderinnen und Ausbilder, insbesondere in Büroberufen, auf einen vernünftigen Ausgleich achten. Nicht alles, was online geht, ist auch zielführend. Vielleicht klingt es altmodisch, aber das persönliche Gespräch, der persönliche Kontakt sind durch nichts zu ersetzen. Auch für Ausbildungsverantwortliche wird es schwierig, wenn sie ihre Schützlinge nur noch vom Bildschirm kennen. Denn online kann man sich sehr viel besser verstecken als im „echten“ Leben. Emotionen und Ängste sowie Veränderungen der Persönlichkeit können in der digitalen Welt mitunter nur schwer erkannt werden. 

Tipp: Ausführliche Informationen, die Ergebnisse einer Studie zum Medienverhalten und einen Film zum Thema Medien-/Digitalkompetenz hat die Techniker Krankenkasse zusammengestellt. Sie finden diese unter https://www.tk.de/techniker/magazin/digitale-gesundheit/medienkompetenz-2000272

Eine Sucht erkennen

Nun sind Ausbilderinnen und Ausbilder in der Regel keine Ärzte, aber sie können trotzdem anhand bestimmter Merkmale eine mögliche Abhängigkeit erkennen. Dazu braucht es kein medizinisches Fachwissen, sondern nur eine gute Beobachtung. Auch hier müssen wir unterscheiden zwischen einer stoffabhängigen Sucht, also einer körperlichen Abhängigkeit, und der Mediensucht. 

Stoffabhängige Sucht

Der Gebrauch/Missbrauch einiger Drogen zeigt sich unmittelbar in den Augen – durch stark erweiterte Pupillen oder einen starren oder verschwommenen Blick. Darauf achtet beispielsweise auch die Polizei bei Verkehrskontrollen. Das funktioniert allerdings in der Regel nur, solange die Wirkung der Droge anhält. Speziell bei Alkoholmissbrauch kann der typische Geruch ein Anzeichen sein. Entweder der Geruch nach Alkohol oder – wenn dies auffällig häufig vorkommt – der permanente Duft nach Pfefferminz, womit der ursprüngliche Geruch überdeckt werden soll. Weitere körperliche Symptome – allerdings meist erst im fortgeschrittenen Stadium – können zittrige Hände oder die Unmöglichkeit, still zu stehen oder zu sitzen, sein. 

Mehr Hinweise geben aber in der Regel Verhaltensveränderungen. Natürlich können diese auch völlig andere Ursachen haben, deshalb bitte Vorsicht vor vorschnellen Verurteilungen. Gleichwohl sollte jede auffällige Verhaltensänderung bei einem jungen Menschen den Ausbilder veranlassen, nach den Ursachen zu forschen. Es könnte sich ja auch um Mobbing oder eventuell private Probleme handeln – auch hier kann man gegebenenfalls Hilfe und Unterstützung anbieten. Zu den auffälligen Veränderungen gehören beispielsweise plötzliche Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit, schlechtes Arbeiten, schlechte Laune, ein Zurückziehen aus der Gruppe usw. 

Bei jungen Menschen stehen neben dem Alkohol meist die eher leichteren Drogen im Vordergrund – womit diese nicht verharmlost werden sollen. Aber es ist schon ein Unterschied, ob ein junger Mensch gelegentlich einen Joint raucht oder Heroin, Kokain oder Ecstasy-Pillen konsumiert. 

Mediensucht

Bei einer Mediensucht gibt es durchaus auch körperliche Hinweise, diese sind aber nicht so spezifisch. Schlaflosigkeit, Übermüdung, Nervosität können ihren Grund in einem übermäßigen Medienkonsum haben. Eine Möglichkeit eines kleinen Tests: Suchen Sie einen (vorgeschobenen, aber plausiblen) Grund, das Handy für einen gewissen Zeitraum abzuschalten oder abzugeben. Die Reaktion auf ein solches Ansinnen und das Verhalten bei dessen Umsetzung können ein Hinweis auf eine Mediensucht sein. 

Auch hier hilft eine gute Beobachtung. Natürlich ist es heute normal, wenn Auszubildende jede Pause nutzen, um einen Blick auf ihr Smartphone zu werfen (nicht nur bei jungen Menschen übrigens). Aber das Wie, das Wann und das Verhalten dabei können vielleicht einen Hinweis auf Abweichungen vom „normalen“ Gebrauch geben. Achtung: Nicht alles, was ältere Mitarbeitende nicht verstehen, ist schon Hinweis auf ein Suchtverhalten. Mitunter hilft die Einschätzung von Gleichaltrigen, ob ein Verhalten noch im Rahmen liegt oder schon Suchtcharakter zeigt. 

Was tun?

Als allererstes sollten Sie Ihre Wahrnehmungen verifizieren und Auffälligkeiten für sich protokollieren. Das hilft Ihnen später, wenn Sie mit der bzw. dem Betroffenen ins Gespräch gehen. Denn das ist der nächste Schritt. Ganz wichtig dabei: Planen Sie das Gespräch im Vorhinein gut und sorgen Sie für ein ungestörtes und diskretes Umfeld. Machen Sie der bzw. dem Auszubildenden keine Vorwürfe, sondern schildern Sie zunächst nur Ihre Beobachtungen. Vielleicht stellt sich ja heraus, dass Ihre Feststellungen ganz andere Ursachen haben. 

Falls sich ergibt, dass Sie mit Ihrer Befürchtung richtig liegen, bieten Sie Ihre Hilfe an. Aber: Machen Sie zugleich deutlich, dass Alkohol- oder Drogenkonsum im Unternehmen nicht toleriert wird. Erklären Sie die möglichen Folgen, auch wenn der Konsum in der Freizeit stattfindet: Fehler durch Schlafmangel und Unkonzentriertheit, unter Umständen Gefährdung von Kolleginnen und Kollegen oder von sich selbst usw. 

In der Regel werden Sie und Ihre Azubine bzw. Ihr Azubi nicht ohne professionelle Unterstützung auskommen. Bieten Sie an, den Kontakt zum Betriebsarzt oder einer anderen Stelle herzustellen. Die Eltern sollten Sie nur einbeziehen, wenn es sich um Minderjährige handelt (oder natürlich auf deren Wunsch bzw. mit deren Zustimmung).

Null-Toleranz

Arbeiten unter Alkohol- oder Drogeneinfluss ist ein absolutes No-Go! Da in solchen Fällen die Steuerungsfähigkeit und die Reaktionsfähigkeit eingeschränkt sind, besteht eine akute Gefährdungssituation, die sofortiges Handeln erfordert: Die bzw. der Auszubildende ist sofort von der Arbeit freizustellen, zum Schutz der Kolleginnen und Kollegen und sich selbst. 

Sich aus einer Sucht zu lösen, ist schwer. Wer sich „nur“ einmal das Rauchen abgewöhnt hat (oder es zumindest versucht hat), weiß, wovon die Rede ist. Daher kann professionelle Unterstützung notwendig sein: Treffen Sie mit der bzw. dem Auszubildenden eine klare Vereinbarung, insbesondere über die Abstinenz bei der Arbeit und davor. Termine mit dem Arzt oder einer Einrichtung (z. B. Anonyme Alkoholiker) werden verbindlich vereinbart. Wenn das rechtlich möglich und sinnvoll ist (Betriebsrat!), können Sie auch Kontrolluntersuchungen wie Urinproben verabreden. Machen Sie den Betroffenen klar, dass ein Verstoß gegen die Vereinbarung Konsequenzen hat und welche das sind (Abmahnung, Kündigung). Nutzen Sie dafür das Know-how der Personalabteilung oder externen Sachverstand. Nur so können Sie Fehler vermeiden, die eine spätere Kündigung erschweren oder vielleicht unmöglich machen. Die Kündigung sollte zwar die Ultima Ratio sein, aber nicht von vornherein ausgeschlossen werden. 

Wer kann helfen?

Wenn Sie nicht gerade selbst über eine entsprechende Ausbildung verfügen, sollten Sie auf jeden Fall externe Hilfe in Anspruch nehmen:

  • In größeren Unternehmen gibt es häufig Suchtbeauftragte – das wäre dann die erste Anlaufstelle. Diese sind zur Verschwiegenheit verpflichtet.
  • Weitere Unterstützung finden Sie zudem beim Ihrer IHK-Ausbildungsberatung.
  • Bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt es ein Verzeichnis der Suchtberatungsstellen unter https://www.bzga.de/service/beratungsstellen/suchtprobleme/
  • Bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) finden Sie des Weiteren eine Übersicht über Selbsthilfegruppen und andere Einrichtungen (http://www.dhs.de/dhs/landesstellen.html). 

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