Zwischen Nestwärme und Arbeitsalltag: Auszubildende führen und binden

Lange hat man es kommen sehen, fast noch länger ist es nun Realität: Für viele Berufsbilder fehlen die Auszubildenden, Tendenz steigend. Das steigert den Wert jedes und jeder Auszubildenden. Ausbildungsbetriebe müssen mehr denn je in die Bindung ihrer Auszubildenden investieren, um sie langfristig zu halten - und zwar nicht nur monetär. Dies erfordert ein ganzheitliches Führungs- und Bindungsverständnis bei den Ausbildungsverantwortlichen. Das „Prinzip Stift“ ist lange Vergangenheit.

Junge Menschen auszubilden wird anspruchsvoller und braucht Wissen, Fertigkeiten und Geduld.
Junge Menschen auszubilden wird anspruchsvoller und braucht Wissen, Fertigkeiten und Geduld. © sviatkovskyi - de.freepik.com

Verwöhnt, vernetzt, verunsichert: Wie ticken Ihre Auszubildenden von heute eigentlich?

Die junge Generation sieht sich mit vielen Vorurteilen konfrontiert: Sie sei verzogen, hänge nur noch am Handy und sei allgemein unselbstständig, hochnäsig und realitätsfremd, um nur ein paar der Vorurteile zu nennen, die man im Austausch mit Ausbildungsverantwortlichen und deren Kolleginnen und Kollegen hört.

Sicher mag das auf einige der jungen Menschen zutreffen. Handys spielen heutzutage, das lässt sich kaum bestreiten, eine größere Rolle als vor zwanzig Jahren. Zudem ist der Helikopter-Erziehungsstil vieler Eltern, da sind sich die allermeisten Fachleute aus Psychologie und Pädagogik einig, nicht unbedingt dazu geeignet, Menschen zu Eigeninitiative und Selbstverantwortung anzuleiten. Doch die gesellschaftlichen Entwicklungen den jungen Menschen anzulasten, die mit diesen mehr oder minder schutzlos und ungefragt konfrontiert wurden, greift zu kurz. Denn zusätzlich zu den genannten Vorurteilen sieht sich die junge Generation einer zunehmend chaotischen Welt ausgesetzt.

Sehen wir uns das weltpolitische Geschehen seit 2000 einmal genauer an: Globaler Terror, Finanz- und Eurokrisen, Flüchtlingsbewegungen ungekannten Ausmaßes, ein sich zunehmend bemerkbar machender Klimawandel, Corona, Krieg in der Ukraine. Das sind wahrhaftig bewegte Zeiten, die die jungen Menschen erleben. Vor allem Corona hat das Leben vieler Jugendlicher und junger Erwachsener stark beeinflusst und wird das auch weiterhin tun. Knapp ein Drittel der 14- bis 29-Jährigen sehen ihre Zukunftsperspektiven, ihre schulisch-berufliche Situation sowie die Balance von Arbeit und Freizeit durch Corona verschlechtert. Gleichzeitig sind in eben jener Altersgruppe, so die Universität Basel, schwere depressive Symptome deutlich häufiger zu beobachten – Stand Ende 2020 bei etwa jeder dritten Person; heute liegt der Anteil vermutlich höher. 

Wie können Sie als Ausbilderin bzw. Ausbilder also die jungen Menschen auffangen, ihnen einen sicheren Ort geben, an dem sie sinnstiftend arbeiten können, sie zu Leistung motivieren und langfristig als produktive Mitarbeitende an Ihr Unternehmen binden? Dazu ist ein ganzheitliches Führungsverständnis unabdingbar. 

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Sehen Sie die Auszubildenden als Menschen!

Ausbildungsverantwortlich sein heißt Führungsperson sein. Sie sorgen dafür, dass Auszubildende die relevanten Ausbildungsinhalte erlernen, gute Arbeit leisten, ihren Pflichten nachkommen und, im Optimalfall, nach ihrer Ausbildung gerne im Unternehmen bleiben. Dazu kommen zahllose organisatorische Aufgaben. Da fällt es leicht, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Oder anders gesagt: Die Auszubildenden vor lauter Arbeit nicht zu sehen. Dabei wollen gerade die jungen Menschen individuell betrachtet werden. Sie verstehen sich nicht als anonymer Teil einer Gruppe (Wer tut das schon?), sondern als eigenständige Individuen mit eigenen Wünschen, Sorgen und Zielen. Und sie erwarten von Ihnen als Ausbilderin bzw. Ausbilder, sie auch so zu sehen.

Die meisten Konflikte zwischen Ausbildungsverantwortlichen und Auszubildenden gründen in einem Mangel an Soft Skills - auf einer der beiden Seiten oder sogar auf beiden. Man fühlt sich nicht ausreichend gesehen, verstanden, ernst genommen. Im Umkehrschluss bedeutet es, dass im Umgang mit Auszubildenden eben diese Soft Skills wichtiger geworden sind. Gesprächsfertigkeiten, ebenso wie ein grundlegendes Verständnis für Konzepte wie Motivation und Zufriedenheit, sind gefragt. Man kann von jungen Menschen nicht erwarten, sich selbst so weit zu durchschauen, dass sie verstehen, warum sie dieses oder jenes empfinden. Manche Menschen schaffen dies ihr ganzes Leben nicht.

Wenn Sie aber mit jungen Menschen zusammenarbeiten, stellt Sie jedoch dies oft vor eine schwierige Situation: Der oder die Auszubildende hat ein Problem, versteht aber selbst nicht ganz, woher das Problem kommt. Hier ist das bereits erwähnte Verständnis psychologischer Grundkonzepte essenziell: Statt eine Nadel im Heuhaufen zu suchen, können Sie im Gespräch zielgerichtet wichtige Aspekte ansprechen.

Nehmen wir das Beispiel Motivation: Das Job-Characteristics-Model, eines der wichtigsten Modelle der Psychologie um zu erklären, warum Menschen eine starke innere Motivation für bestimmte Tätigkeiten haben, besagt, dass es drei Voraussetzungen bedarf, um intrinsisch motiviert zu sein: 

  1. Die Aufgabe muss verschiedene Fähigkeiten erfordern. Den ganzen Tag Listen abzugleichen ist also weniger motivierend als beispielsweise an einem Projekt mitzuarbeiten.
  2. Der oder die Auszubildende sollte sich mit der Aufgabe identifizieren können.
  3. Die Aufgabe muss wichtig sein.

So ist „Listen abgleichen“ immer noch monoton. Wenn man aber dem Auszubildenden vermittelt, dass korrekt geführte Listen wichtig sind, damit die Aufträge richtig abgearbeitet werden können, gewinnt die Aufgabe eine neue Facette. Der Gedanke „Ich als Azubi bin dafür verantwortlich, dass die Aufträge richtig bearbeitet werden können.“ wirkt deutlich motivierender als „Ich gleiche Listen ab, weil mir das so gesagt wurde“. Außerdem sind die Rahmenbedingungen wichtig. Für die Motivation ist ein gewisses Maß an Autonomie bei der Aufgabenerledigung wichtig. Hiermit wird keine Hands-off-Mentalität in der Betreuung beschrieben, eher ein „angeleitetes Ausprobieren“. Die Auszubildenden erleben so mehr Verantwortung und merken, dass man ihnen vertraut.

Zu guter Letzt darf das Feedback am Ende nicht fehlen – ein Auszubildender hat eine wichtige Aufgabe erledigt, mit der er sich identifiziert und die er in einem gewissen Maße selbstständig ausführen durfte. Jetzt ist er auf Sie als Betreuerin bzw. Betreuer angewiesen: Auszubildenden fehlt die Erfahrung, ihre Arbeitsergebnisse selbst einordnen zu können. Dafür brauchen sie ehrliches, konstruktives Feedback– und das möglichst oft. Soziale Medien haben junge Menschen darauf konditioniert, innerhalb von Minuten, teilweise Sekunden, Bestätigung in Form von Likes zu erhalten. Ein Feedbackgespräch alle paar Wochen reicht da nicht aus, um dieses Bedürfnis nach Anerkennung und Rückmeldung zu stillen.

Wir sehen an diesem Beispiel: Ausbilden wird anspruchsvoller. Es erfordert mehr Wissen, Fertigkeiten, Geduld. Und doch wird es sich lohnen. Nicht nur, weil die jungen Menschen nun mal der einzige Nachwuchs sind, den wir haben, sondern auch, weil bisher jede Generation wertvolle Impulse in die Arbeitswelt mitgebracht hat, wie die Normalisierung der Erwerbstätigkeit der Frauen, ein hoher Stellenwert der Work-Life-Balance oder ein tiefes Grundverständnis für digitale Werkzeuge und deren Möglichkeiten. Die heutige junge Generation wird den Arbeitsmarkt bereichern - wenn wir sie aufzunehmen wissen und ihnen dadurch die Möglichkeit dazu geben. Wer weiß, was die Zukunft bringt?

Text: Bernd-Johann Weyer, INFO GmbH – Institut für Organisationen

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