"Wunderbar vielseitig"

Natalie Steffen ist 33 Jahre alt. Seit 15 Jahren arbeitet sie in einem Reisebüro in der Nähe von Köln. Vor ein paar Jahren hat sie die Leitung des Büros, in dem sie einst Azubine war, übernommen. Sie liebt ihren Job, sagt sie. Wir wollten wissen, warum!


EINSTIEG Abi Online: Frau Steffen, Sie haben sich nach dem Abitur für die Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau entschieden. Welche Erwartungen hatten Sie an den Job?

Steffen: Mit Menschen zu tun zu haben, viel zu reisen und einen Job zu finden, in dem man nie "stehen bleibt", sondern immer gezwungen ist, sich weiterzubilden.

EA Online: Haben sich die Erwartungen erfüllt? Was schätzen Sie besonders an Ihrer Tätigkeit?

Steffen: In etwa haben sich meine Erwartungen erfüllt. Ich habe persönlichen Kontakt zu netten Menschen, ich vermittle eine schöne Sache, auf die sich die Menschen freuen, und dementsprechend angenehm ist der Umgang meistens mit den Kunden. Man lernt viel von der Welt kennen, indem man sich auch jeden Tag neu damit beschäftigt - und manchmal bekommt man auch die Gelegenheit, selber eine Reise zu machen und das Zielgebiet persönlich kennen zu lernen.

EA Online: Weiche Eigenschaften muss man mitbringen, um in der Reisebranche erfolgreich zu sein?

Steffen: Man sollte kontaktfreudig sein, mit Menschen umgehen können. Mit der Zeit entwickelt man durch die Arbeit auch Menschenkenntnis. Man sollte es mögen, am Computer zu arbeiten, Englischkenntnisse sind zu empfehlen, man sollte auf jeden Fall gewillt sein, ständig an sich und seinen Kenntnissen zu arbeiten, denn eine große Vielfalt an Wissen wird von den Kunden vorausgesetzt. Heutzutage ist es auch notwendig, über Internetkenntnisse zu verfügen. Und man sollte auch gewillt sein, sich in seinem privaten Urlaub gezielt umzusehen, damit man durch persönliche Erfahrungen an Beratungsqualität für die Kunden dazugewinnt.

EA Online: Seit 2001 leiten Sie das Büro, in dem Sie vor elf Jahren als Azubi gelernt haben. In welcher Weise hat die Verantwortung Ihren Arbeitsalltag verändert?

Steffen: Mein Arbeitsbereich hat sich erweitert - zu den "normalen" Aufgaben wie der Vermittlung von Flügen, Reisen, Bahntickets etc. kommen noch viele administrative Dinge hinzu: Personalplanung, Abrechnungen, Werbemaßnahmen und kreatives Denken, wie man den Verkauf ankurbeln und Neukunden gewinnen kann. In meinem speziellen Fall war es auch eine Herausforderung, meinen langjährigen Kollegen, die mich teilweise als Azubi kennengelernt hatten, zu beweisen, dass ich mich auch als Vorgesetzte eigne, was mir durch ein immer bestehendes, gutes Betriebsklima ganz gut geglückt ist - dank meiner netten Kolleginnen, die mich auch als Führungsperson akzeptieren.

EA Online: Derzeit leidet die Reisebranche unter den Auswirkungen der schlechten wirtschaftlichen Lage und unter der Angst vor Terroranschlägen. Würden Sie einem Abiturienten heute trotzdem raten, eine Ausbildung zu beginnen?

Steffen: Bedingt. Der Beruf ist wunderbar, vielseitig und sehr interessant. Momentan ist es, denke ich, recht schwer, überhaupt in dieser Branche einen Ausbildungsplatz zu bekommen, da die meisten Unternehmen sparen müssen, um die Rückschläge der vergangenen Monate zu kompensieren. Zu der Wirtschaftskrise kommt für uns das Internet mehr und mehr als Problem hinzu. Viele Kunden glauben, im Internet viel günstiger Urlaub buchen zu können und fragen gar nicht mehr im Reisebüro nach. Der Beruf des Reiseverkehrskaufmanns wird sich nicht mehr lange so weit verbreiten wie in den letzten Jahren. Doch als Sprungbrett eignet sich eine Ausbildung immer noch - immerhin macht man ja eine kaufmännische Ausbildung mit Erhalt des Kaufmannsgehilfenbriefes und wird auf der Berufsschule auch in VWL, BWL und Rechnungswesen ausgebildet, was man in allen anderen kaufmännischen Berufen anwenden kann. Ganz aussterben wird diese Branche nie, und nach der Lehre kann man in andere Branchenzweige wie Internetreisebüros oder Reiseveranstalter wechseln.

EA Online: Was erwartet den Azubi während der Ausbildung?

Steffen: Das hängt sicherlich von dem Büro ab, in dem er ausgebildet wird. Bei uns lernt ein Azubi in den drei Jahren Lehre eigentlich alles, um den Beruf nach der Ausbildung komplett ausüben zu können - vom Ausstellen der Fahrkarten über das Buchen einer Reise bis hin zu komplexeren Ausarbeitungen von Flugtickets. Wichtig ist, dass man sich ein "Vollreisebüro" für die Ausbildung aussucht, d.h. ein Büro, welches nicht nur touristische Leistungen anbietet, sondern auch einzelne Flüge und Bahntickets vermittelt. Dann lernt man im Büroalltag die Dinge, die auch nachher bei der Prüfung von Relevanz sind. Die Berufsschule absolviert ein Azubi in der Regel mit zweimal wöchentlichem Besuch. Wie schon eingangs erwähnt, sollte man auf jeden Fall Spaß an diesem Job haben und auch gewillt sein, zu lernen - denn man muss eine Menge über die einzelnen Länder wissen, um gut beraten zu können. Und nur mit dem nötigen Enthusiasmus, vielleicht auch mal in der Freizeit einen Reisebericht im Fernsehen zu schauen oder sich einen Katalog mal genauer anzusehen, kann man in diesem Job den gewünschten Erfolg und das damit verbundene Selbstbewusstsein entwickeln.

EA Online: Welche Weiterbildungsmöglichkeiten bieten sich im Anschluss an die IHK-Ausbildung?

Steffen: Man kann den Touristikfachwirt über ein Studium machen, zu einem Veranstalter gehen oder so wie ich versuchen, sich innerhalb der eigenen Firma zu entwickeln. Bei den Veranstaltern kann man sich als Hoteleinkäufer, Reservierungsprofi oder Agenturbetreuer bewerben. Für diese Berufe ist eine abgeschlossene Ausbildung als Reiseverkehrskaufmann immer positiv.

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