AUBI-plus: Wie kamst du dazu, eine Famulatur zu machen?

Während meines Zahnmedizinstudiums habe ich schon häufig mit dem Gedanken gespielt, eine Famulatur – also ein medizinisches Praktikum – zu machen. Im Gegensatz zu Allgemeinmedizinern ist dies für uns nämlich keine Pflicht. Viele absolvieren die Famulatur bereits während des Studiums. Ich habe mich aber dafür entschieden, die Zeit zwischen Studium und Job dafür zu nutzen. Ende Juni war mein Examen vorbei und bis zum ersten Arbeitstag hatte ich noch zwei Monate Zeit. Den ersten Monat war ich mit zwei Kommilitoninnen in Australien und wir machten eine Rucksacktour durchs Land. Den zweiten Monat waren wir dann zur Famulatur auf Tonga.

AUBI-plus: Wie seid Ihr auf Tonga gekommen?

Bei uns an der Uni gab es jedes Jahr eine Veranstaltung mit (ehemaligen) Studenten, die die Famulatur bereits gemacht haben. An diesem Info-Abend stellten sie ihre Erfahrungen und Tätigkeiten während des Praktikums vor und berichteten über die Länder, in denen sie eingesetzt waren. In der Regel findet die Famulatur in einem Entwicklungsland statt. Einige waren z. B. auf den Cook-Inseln, in Südamerika (Peru), in Tansania, auf Bali, in Indien oder eben auf Tonga. Tonga hat uns irgendwie angesprochen.

AUBI-plus: Und wie lief das Ganze dann ab?

Vieles läuft über Organisationen wie das Rote Kreuz, Ärzte ohne Grenzen oder den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), bei denen man sich auf eine Stelle zur Famulatur bewerben kann. Unser Ziel Tonga wurde jedoch nicht über eine dieser Organisationen angeboten, weshalb wir uns einfach (wie viele zuvor auch) selbst drum gekümmert haben. Den Urlaub und die Famulatur haben wir ein Jahr im Voraus geplant. Durch den Info-Abend kamen wir an die Kontaktdaten des zuständigen Arztes auf Tonga. Dem haben wir einfach eine E-Mail gesendet. Alles Weitere lief extrem unbürokratisch ab. Er schrieb uns eine Bestätigungsmail zurück. Daraufhin konnten wir Flüge und Unterkunft buchen und dann zum abgesprochenen Zeitpunkt anreisen.

Die Versorgungslage in den Ländern ist zumeist nicht so gut, weshalb es üblich ist, Spenden von zuhause für das Krankenhaus, indem man arbeitet, mitzubringen. Im Vorfeld der Reise fragten wir also bei diversen Herstellern an und haben Zahnbürsten, Zahnpasta, Füllmaterial und weitere Sachspenden erhalten - eben die Dinge, die man für Zahnpflege und Behandlung braucht. Das Ganze sendeten wir vorab per Post an ein Postfach auf Tonga, da wir das im Gepäck niemals alles mitbekommen hätten. Auf Tonga konnten wir es dann abholen und die Spende der Klinik übergeben. Für diese Hilfe sind die Menschen natürlich sehr dankbar.

AUBI-plus: Was waren deine Tätigkeiten?

Auf Tonga wird derzeit versucht, ein Prophylaxe-System aufzubauen. Etabliert ist das allerdings noch nicht. Die Menschen kommen in der Regel mit Schmerzen, weshalb meine Hauptaufgabe darin bestand, Zähne zu ziehen und Füllungen zu machen. Die Zahnärzte auf Tonga sind genauso ausgebildet wie wir; eine Wurzelbehandlung bspw. wird aber eher selten durchgeführt. Nicht auf jeder Insel ist eine Zahnarztpraxis. Die Tongaer müssen also erst anreisen, um sich behandeln zu lassen. Viele machen sich erst mit Schmerzen auf den Weg und sind froh, wenn diese behoben werden. Den Zahn zu ziehen, anstatt ihn zu behandeln, ist dort üblich.

Um die Zahnpflege und somit ein gewisses Prophylaxe-Verständnis in den Köpfen der Tongaer zu verankern, versuchen einige Ärzte, jede Grundschule der Insel mindestens einmal im Monat zu erreichen. Jedes Kind besitzt eine Schulzahnbürste. Kommen die Zahnärzte zu den Kindern, versammeln sich alle im Hof und üben spielerisch die Zahnpflege. Singend und mit einstudierten Handbewegungen werden die Zähne geputzt und fluoriert. Die Kinder haben viel Spaß dabei. Die Zahnbürste bleibt immer in der Schule; ob die Kinder auch eine Zahnbürste zuhause haben, kann ich gar nicht sagen.

AUBI-plus: Erzähl uns ein bisschen über deine Zeit auf Tonga.

Eine Famulatur ist ein Ehrenamt. Das bedeutet: Für Kost und Logis sowie für die An- und Abreise muss jeder selbst aufkommen. Geld verdient man damit nicht. Aber das ist ja auch nicht das Ziel einer Famulatur. Untergekommen sind wir in einem sog. Backpacker Guest House. Da war aber auch nicht viel los. Auf Tonga gab es kein Massentourismus – der Strand war immer leer. Tonga ist tropisch und man darf sich nichts vormachen, es ist ein Entwicklungsland. Bei uns auf der Insel gab es kein Kino, keine Disco, keine Kneipen. Der Supermarkt war sehr spärlich und nur mit den notwendigsten Artikeln ausgestattet. Teilweise konnte es schon langweilig werden. Aber zum Glück war ich ja nicht alleine vor Ort. Wenn wir uns nicht selbst verpflegt haben, waren wir zum Essen oft in dem Backpacker Café. Außerdem war das der einzige Ort, wo man ins Internet gehen konnte.

Insgesamt war es eine super Erfahrung! Neben den ersten praktischen Kenntnissen für meinen Beruf konnte ich definitiv etwas fürs Leben lernen. Die tongaische Kultur ist eine ganz andere, als man sie hier kennt. Man wird bei vielen Dingen gelassener – unseren schnelllebigen Alltag gibt es auf Tonga ganz einfach nicht. Außerdem wird man demütiger und bescheidener. Die Einfachheit und Spärlichkeit auf der Insel zeigte einem immer wieder auf, das, was man selber hat, mehr wertzuschätzen.

AUBI-plus: Würdest du es weiterempfehlen?

Auf jeden Fall! Es war eine tolle Zeit und ich konnte enorm viel für mich und meinen Beruf mitnehmen. Ich würde es heute sogar noch einmal machen und dieses Mal hätte ich auch kein Problem damit, alleine für einige Wochen auf Tonga zu sein.

AUBI-plus: Wir danken dir für das Interview und wünschen dir weiterhin alles Gute.

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