"Ich rechne mit keinem Einbruch beim Ausbildungsangebot im Einzelhandel", sagt Katharina Weinert vom Handelsverband Deutschland (HDE). Wie im Vorjahr seien rund 30 000 Stellen für Einzelhandelskaufleute (+0,3%) und fast 19 500 für Verkäufer (+6,4%) gemeldet. Nach der Warnung des DGB vor einem "Corona-Crash" habe der HDE bei seinen Mitgliedsunternehmen nachgefragt. "Und es zeigt sich, dass die Zahlen sogar im Nonfood-Bereich stabil sind. Lediglich von kleinen Betrieben kam die Rückmeldung, dass sie dieses Jahr aussetzen wollen oder es noch zu früh für eine Entscheidung sei." Auffällig sei, dass viele Schüler sich in diesem Jahr insgesamt später bewerben, weil sich ihre Abschlussprüfungen verschoben haben. "Dies schlägt sich vor allem in den Abiturientenprogrammen nieder, weil man hierfür eine Hochschulzugangsberechtigung braucht", sagt Weinert. Hier ist das Angebot deutlich gewachsen um über 1.500 auf 9.390   Stellen. "Wir gehen aber davon aus, dass sich die Einstellungen dieses Mal bis in den Herbst verzögern."

Bei Aldi Süd heißt es, schon in den letzten Jahren seien viele der 2 000 Ausbildungsplätze erst im Sommer besetzt worden. Was die Pandemie tatsächlich erschwere, sei die erste Kontaktaufnahme zu potenziellen Auszubildenden. "Berufsmessen, Veranstaltungen am Point of Sale oder im Rahmen von Schulkooperationen fallen aus." Schon vor der Corona-Krise seien beim Recruiting immer häufiger Online-Medien genutzt worden. "Das setzen wir jetzt verstärkt fort – zum Beispiel mit unserer aktuellen Recruiting-Kampagne, die Online-Kanäle, Lern- und Gaming-Plattformen sowie Social Media nutzt, um auf Einstiegsmöglichkeiten in eine sichere berufliche Zukunft hinzuweisen." Prägnanter Claim: "Deine Ausbildung? Safe!" Um trotz Corona-Krise mit potenziellen Azubis ins Gespräch zu kommen, teste Aldi Süd Vorstellungsgespräche per Videokonferenz und die Teilnahme an Online-Berufsmessen.

Auch wer wie Tedi wochenlang seine Filialen schließen musste, setzt den Rotstift nicht bei den Lehrstellen an. Schließlich hat sich an der demographischen Entwicklung und Verknappung künftiger Schulabgänger nichts verändert. "Die Corona-Situation hat nur geringe Auswirkungen auf unsere Auszubildenden", sagt Kristina Schütt, Bereichleiterin Zentrales Personalmanagement bei Tedi. "Mit Hilfe von Microsoft-Teams konnten wir die Bewerber in Video-Gesprächen kennenlernen und uns mit ihnen austauschen. Im Rahmen der Vertragsabschlüsse gibt es seitens Tedi daher keine Verzögerungen." Während des Shutdowns hätten die derzeitigen Auszubildenden Fachabteilungen bei der Arbeit unterstützt, Filialen auf die Wiedereröffnung vorbereitet oder sich an internen Projekten beteiligt. Die Abschlussklassen wurden für das Lernen freigestellt.

Einen Corona-Sonder-Einsatz als Hopfenretter machte die Radeberger-Gruppe für 40 ihrer Azubis möglich: Sie halfen drei Wochen den Hopfenbauern in der Hallertau, als die ausländischen Saisonkräfte ausfielen.

Für großes Chaos sorgten in allen Unternehmen ab März die unterschiedlichen Regelungen für die Schließung und Wiedereröffnung der Berufsschulen. "Diese variieren von völliger Freistellung über Arbeitsmaterial für das Selbststudium bis hin zu Onlinebeschulung", berichtet Benjamin Brähler, Bereichsleiter Berufsbildung bei Tegut. Die Vermittlung von Ausbildungsinhalten hat dadurch einen Digitalisierungsschub bekommen. "Wir haben unsere Lernendenseminare kurzfristig auf Online-Konzepte umgestellt, damit die notwendige Prüfungsvorbereitung geleistet wird", so Brähler. Es sei eine intensive Lernzeit für HR, die Azubis und deren Ausbilder gewesen. "Gemeinsam haben wir erfahren, was funktioniert und was nicht funktioniert. Sicher ist: Wo es sinnhaft ist, werden wir zukünftig verstärkt auf Online-Formate gehen", sagt Brähler. Beim Online-Händler Otto war plötzlich für alle Azubis und Studierenden Home-Office angesagt, weil der Hamburger Campus gesperrt wurde. Aber auch hier gilt: "Wir stellen Azubis sowie dual Studierende weiterhin im gewohnten Umfang ein."

Die Industrie besetzt ihre Ausbildungsplätze früher als der Handel. "Die Verträge wurden zum Teil schon im vergangenen Jahr unterzeichnet", heißt es bei Krombacher. Daher melden weder die von Gastronomie-Ausfällen Betroffenen Hassia, Radeberger, Krombacher noch Convenience-Anbieter Aryzta Corona-bedingte Kürzungen. "Im Gegenteil, wir bauen aus", heißt es bei Aryzta. "Letztes Jahr wurden 21 neue Azubis eingestellt, dieses Jahr planen wir 32."

Simon Blanke-Bohne, Kundenberater beim Ausbildungsportal Aubi-plus weiß, dass Krisen sich im Stellenmarkt zuerst bei Fachkräften niederschlagen, nicht bei langfristig geplanten Ausbildungsplätzen. Nach großer Zurückhaltung im März habe sich die Lage wieder entspannt. "Im Mai liegt die Zahl der ausgeschriebenen Ausbildungsplätze wieder auf Vorjahresniveau." Dafür sorgt die Nachfrage aus dem Gesundheitssektor sowie Lebensmittelhandel, -transport und -herstellung. "Nachdem die Abschlussprüfungen an den Schulen geregelt waren, stieg in den Osterferien auch die Zahl der Bewerbungen," sagt Blanke-Bohne. Spannend findet er, dass bei Krisenausbruch im März das Interesse der Bewerber am Lebensmitteleinzelhandel nur halb so stark einbrach wie in anderen Sektoren. "Die systemrelevanten Berufe bekommen mehr Aufmerksamkeit. Ich hoffe, dass der Trend anhält." Für wichtig hält er ein Signal von der Politik, dass der Ausbildungsbeginn nicht gefährdet ist. Mit Nachmeldungen rechnet er trotzdem und hofft, dass die Berufsschulen sich auf Nachzügler einstellen. Radeberger hat den Ausbildungsstart mancherorts bereits auf September verschoben.

Den Original-Artikel finden Sie in der Lebensmittelzeitung unter: https://www.lebensmittelzeitung.net/handel/Nachwuchsgewinnung-Ausbildungsstart-verschiebt-sich-146392

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